Erzählformen: Das Distichon (107)

An …

Musenverachtender Mann! Du tatest der Taten, wie alle
Musen sie singen, allein deine besingen sie nicht!
Deine, so löblich sie sind, so rühmlich, deine verschwinden,
Musenverachtender Mann, in der Vergessenheit Meer!

 

Ludwig Gleim war nicht dafür bekannt, aus seinem Herzen eine Mördergrube zu machen; und auch nicht als Distichenschreiber. Hier tut er beides, und das durchaus anziehend und mit Schwung; spannend zu hören zum Beispiel, wie das dreimalige „deine“, das als Pronomen nicht so recht hebungstauglich ist, über den Inhalt „betonungsberechtigt“ wird und so am Ende genau da steht, wo es hinpasst und hingehört; dreimal.

Erzählverse: Der Blankvers (124)

Hugo von Hofmannsthals „Glückliches Haus“ ist ein kurzer Text, nur sechzehn Verse:

 

Auf einem offenen Altane sang
Ein Greise orgelspielend gegen Himmel,
Indes auf einer Tenne, ihm zu Füßen,
Der schlanke mit dem bärtigen Enkel focht,
Dass durch den reinen Schaft des Oleanders
Ein Zittern aufwärtslief; allein ein Vogel
Still in der Krone blütevollem Schein
Floh nicht und äugte klugen Blicks herab.
Auf dem behauenen Rand des Brunnens aber
Die junge Frau gab ihrem Kind die Brust.

Allein der Wanderer, dem die Straße sich
Entlang der Tenne ums Gemäuer bog,
Warf hinter sich den einen Blick des Fremden
Und trug in sich – gleich jener Abendwolke
Entschwebend, über stillem Fluß und Wald –
Das wundervolle Bild des Friedens fort.

 

Das hilft sicherlich, einen Eindruck von Abgeschlossenheit und Vollkommenheit zu erzeugen, und auch der Inhalt, der nichts weiter verlangt als Beschreibung, ist kein Hindernis in dieser Hinsicht. Aber trotzdem: Wie Hofmannsthal hier die Blankverse gestaltet, mit gelegentlicher doppelt besetzter Senkung und allem. ist schon sehr beeindruckend!

Erzählverse: Der Hexameter (172)

Das Hinterzimmer (meint: der Menüpunkt „Gesammeltes“) ist wieder einmal gewachsen, an verschiedenen Stellen; eine davon ist Der heroische Vers von Franz Ficker, eine knappe (und damit als Einführung weniger geeignete) Erläuterung des Hexameters, die auch durch ihre Bestimmtheit beeindruckt – wie die Verfasser im 19. Jahrhundert halt gerne klangen … Ein Beispiel:

Der Schlussfall des Hexameters muss vernehmbar sein.

Ein Satz wie in Stein gemeißelt. Ausgeführt wird er immerhin ein wenig:

Man darf daher nicht willkürlich, wie es sich gibt, und wo, den Vers beschließen, oder mit unvollendeten Gliedern von Zeile zu Zeile herüberspringen, und noch weniger den Vers mit der Hälfte eines Worts schließen; sondern muss darauf bedacht sein, dass an der Stelle ein Satzteil mit einem gewichtigeren Worte sich ende, obgleich keine Interpunktion nötig ist.

Das ist in seiner Klarheit insofern willkommen, als dass es keine Schwierigkeiten geben dürfte, sich dazu zustimmend oder ablehnend zu verhalten. Wobei die Frage der „Vers-Integrität“ ja durchaus ihre Berechtigung hat!

 

„Welch eine Stimme war dies?!“, aufschrie die gefolterte Seele,
Aber der Schrei blieb stumm und gehetzt, geknebelt, von Sinnen
Stürzte der Pfarrer zum Fenster und keuchte nach Atem. Da riß am
Finsteren Rande des Himmels vom wütenden Zerren des Sturmwinds
Plötzlich die Schwärze entzwei, und inmitten des klaffenden Spaltes
Stieg aus den wogenden Sümpfen der faulig beleuchteten Nebel
Rund ein Entsetzliches auf, eine Brunst von der schmutzigen Röte
Fieberkranken Urins, eine Scheibe, ein Ball, eine Blase!

 

So zu finden in Anton Wildgans‘ „Kirbisch“. Ist der „Schlussfall“ des dritten Verses da inhaltlicher Kommentar – nicht nur die Schwärze reißt entzwei, auch der Satz – oder einfach schlechtes Verswerk?!

Erzählverse: Der Hexameter (171)

Doch, dass man nicht dich erblicke, verhüllst du dich eben in Nebel,
Nächtlich tagender, Leben vernichtender, Leichenverscharrer,
Geh, unleidlicher, geh nur geschwind! Da sagt er: Ich geh schon,

 

Drei Hexameter, in denen Friedrich Rückert in seinem Liedertagebuch von 1853 den November anredet; welcher auch antwortet, länger, hier aber nur kurz zu Wort kommt. Denn es geht eigentlich um den mittleren der drei Verse, der zu knapp wie möglich daran vorbeischrammt, kein Hexameter

Nächtlich / tagender, | Leben || ver- / nichtender, | Leichen- / verscharrer,

Der eigentliche Einschnitt ist vorhanden, aber unhörbar, die hörbaren Einschnitte liegen hinter den metrischen Einheiten und teilen den Vers in drei nur so eben nicht gleiche Teile:

—  ◡ / — ◡ ◡ | — ◡ ◡ / — ◡ ◡ | — ◡ ◡ / — ◡

Jeder der drei Teile hat zwei Hebungen und zwei Senkungen, die Senkungen sind aber leicht unterschiedlich gefüllt. Ich glaube, das ist die äußerste Grenze dessen, was noch als Hexameter zu zählen Anspruch hat?! Was Rückert selbstverständlich besser wusste als alle anderen; manchmal haut er solche Verse raus, und oft scheint es: aus reinem Übermut …

Zum Vergleich ein Vers von Jens Baggesen, der vielleicht schon auf der anderen Seite der Grenze steht:

Zwar ein bescheidener, | frommer, und sittsamer, | aber ein Mann doch.

Ein Fall, wo dieses Muster in bewusster Gestaltungsabsicht benutzt wird, ist ein in Der Hexameter (37) erwähnter Vers Mörikes!

Der Dichter

Der Briefwechsel zwischen Friedrich Schiller und Christian Gottfried Körner ist sehr lesenswert – einmal, weil hier zwei wirkliche Freunde miteinander reden; vor allem aber, weil sie zumeist über Dichtung und Kunst reden. Auf Augenhöhe, denn auch wenn Körner nicht viel veröffentlicht hat, war er dennoch ein scharfäugiger, meinungssicherer Kritiker seiner literarischen Zeitgenossen, und sowohl Schiller als auch Goethe haben viel auf seine Meinung gegeben. Im Juli 1804 schrieb Körner zum Beispiel an Schiller:

Der echte Dichter gibt sich selbst sein Gesetz, aber in der Gesetzlosigkeit sucht er kein Verdienst. Seinen Stoff behandelt er mit Leichtigkeit, nicht mit Leichtsinn; spielend, aber nicht tändelnd. Die Gestalt, die seiner Phantasie erscheint, ergreift er mit Liebe, sucht sie festzuhalten und ihr in der ästhetischen Welt eine Wirklichkeit zu geben. Dies unternimmt er in dem Glauben, dass es in seinem oder einem künftigen Zeitalter Seelen geben wird, die mit ihm gleiche Empfänglichkeit haben.

So selbstsicher klingt er immer, auch da, wo er Unrecht hat (was gelegentlich vorkommt);  aber da er immer auch klar und verständlich ist und etwas zu sagen hat, genau wie Schiller: hört man den beiden gern zu …

Erzählverse: Der trochäische Achtheber (2)

Conrad Ferdinand Meyer verwendet in „Mit zwei Worten“ den Achtheber auf eine ungewöhnliche Art: Er fasst vier davon zu einer Strophe zusammen und reimt sie einheitlich!

 

Am Gestade Palästinas, auf und nieder, Tag um Tag,
„London?“ frug die Sarazenin, wo ein Schiff vor Anker lag.
„London?“ bat sie lang vergebens, nimmer müde, nimmer zag,
Bis zuletzt an Bord sie brachte eines Bootes Ruderschlag.

Sie betrat das Deck des Seglers und ihr wurde nicht gewehrt.
Meer und Himmel. »London?« frug sie, von der Heimat abgekehrt,
Suchte, blickte, durch des Schiffers ausgestreckte Hand belehrt,
Nach den Küsten, wo die Sonne sich in Abendglut verzehrt …

„Gilbert?“ fragt die Sarazenin im Gedräng‘ der großen Stadt,
Und die Menge lacht und spottet, bis sie dann Erbarmen hat.
„Tausend Gilberts gibts in London!“ Doch sie sucht und wird nicht matt.
„Labe dich mit Trank und Speise!“ Doch sie wird von Tränen satt.

„Gilbert!“ „Nichts als Gilbert? Weißt du keine andern Worte? Nein?“
„Gilbert!“ … „Hört, das wird der weiland Pilger Gilbert Becket sein –
Den gebräunt in Sklavenketten glüher Wüste Sonnenschein –
Dem die Bande löste heimlich eines Emirs Töchterlein!“

„Pilgrim Gilbert Becket!“ dröhnt es, braust es längs der Themse Strand.
Sieh, da kommt er ihr entgegen, von des Volkes Mund genannt,
Über seine Schwelle führt er, die das Ziel der Reise fand.
Liebe wandert mit zwei Worten gläubig über Meer und Land.

 

Manchmal gibt es einen leichten Verdacht, dass der Reim den Inhalt bestimmt. Aber das bleibt eine Randbemerkung, denn die Strophen wirken durchaus überzeugend gestaltet, und der weite Raum der Achtheber lebendig gefüllt!