Die Uz-Strophe (3)

Eine Möglichkeit, die in der Uz-Strophe vorgestellten Verse „zu verbauen“, ist ein Distichon, ein Verspaar, das den längeren Vers erst unbetont, dann betont schließen lässt:

◡ —, ◡ —, ◡ ◡ — | ◡ —, ◡ —, ◡ ◡ —, ◡
◡ —, ◡ —, ◡ ◡ — | ◡ —, ◡ —, ◡ ◡ —

Das ist ein ganz guter Ersatz für’s elegische Distichon aus Hexameter und Pentameter!? Zwei solche Verspaare aus Ewald von Kleists „An Herrn Rittmeister Adler“:

Im Tode werd‘ ich ihm gleich, im Leben bin ich beglückter:
Er sah nur Auen voll Blut, schlief nur vom Himmel bedeckt
Und hört‘ ein ewig Geschwirr von Schilden, Spießen und Pfeilen;
Ihn floh’n Vergnügen und Scherz und Cypris‘ freundlicher Sohn.

Statt wie hier im längeren Text ist das Verspaar aber auch epigrammatisch verwendbar!

Die Uz-Strophe (2)

Streng umgesetzt hat die im ersten Eintrag vorgestellte Grundstrophe Nikolaus Dietrich Giseke in seinem vielstrophigen „Winter“; hier folgen nur einige Strophen daraus, beginnend mit dem Aufrufen der zur Jahreszeit gehörenden Stille:

Die Wälder feiern. Es herrscht ein nächtliches Schweigen in ihnen,
Und tiefe Stille verdränget den Lärm.
Nur selten zwitschert hier noch ein einsam irrender Vogel,
Und sucht die sparsame Nahrung im Schnee.

Diese Stille zieht sich durch das Gedicht, in der folgenden Strophe taucht sie als das „sie“ des Anfangs auf:

Sie ruft uns vor den Kamin. Uns brennt ein milderes Feuer
Als auf dem städtischen, kärglichen Herd.
Zufrieden sitzen um ihn wir gleichen, zärtlichen Freunde
In einem engen, vertraulichen Kreis.

Oder hier:

Indessen schweiget um uns die ganze Gegend. Die Stille
Bewohnt das Dorf und den Hof und das Haus,
Wenn nicht das mutige Ross in dem benachbarten Stalle
Sich schüttelt, stampfet und Futter begehrt.

Wobei zur Stille des Winters noch die Stille der Nacht kommt …

Oft lockt der freundliche Mond und sein Gefolge, die Sterne,
Den kühnen Fuß in den Garten hinaus.
Und ernsthaft schauet auf uns der majestätische Himmel
Mit seinen zahllosen Welten herab.

… und auch die Einsamkeit. Aber eine ganz eigene:

Der Tag eilt fröhlich hinweg. Die Sonne sieht uns, und freut sich,
Und gern verweilte sie länger bei uns;
Doch sie muss eilen. Ihr folgt der Abend, unser Vertrauter,
Er, aller Liebenden Liebling und Freund.

Ihr kostbaren Stunden, euch stört kein unbequemer Besucher!
Ihr bleibt dem reinsten Vergnügen bestimmt.
O Einsamkeit! Sei mir gegrüßt! In meiner Daphne Gesellschaft
Beglückst du jede Minute mit Lust.

Wie gesagt, das ist nur ein Teil des Gedichts, sechs von 32 Strophen; aber der zur Form gehörende Ton, hier in Gisekes Ausformung, wird doch ganz gut hörbar?!

Die Uz-Strophe (1)

„Uz-Strophe“ ist, wieder einmal, eine eigene Bezeichnung; diesmal aber eine gut begründbare, hat doch Johann Peter Uz (1720-1796) diese Strophenform in die deutsche Dichtung eingeführt und bekannt gemacht! Es geht dabei um diesen Vierzeiler:

◡ —, ◡ —, ◡ ◡ — | ◡ —, ◡ —, ◡ ◡ —, ◡
◡ —, ◡ —, ◡ ◡ —, ◡ ◡ —
◡ —, ◡ —, ◡ ◡ — | ◡ —, ◡ —, ◡ ◡ —, ◡
◡ —, ◡ —, ◡ ◡ —, ◡ ◡ —

In dieser Form hat Uz 1741 „Der Frühling“ geschrieben – dessen erste Strophe:

Ich will, vom Weine berauscht, die Lust der Erde besingen,
Ich will die Zierde der Auen erhöhn,
Den Frühling, welcher anitzt, durch Florens Hände bekränzet,
Siegprangend unsre Gefilde beherrscht.

„Der Frühling“ ist unter Uzens Gedichten das einzige ungereimte; aber es machte großen Eindruck auf seine Zeitgenossen, und die Strophe ist danach von vielen Verfassern benutzt und auch abgewandelt worden – die Anzahl der doppelt besetzten Senkungen wurde verändert, der Langvers trat mit anderen Versen zusammen als dem oben zu sehenden Vierheber; oder er wurde gar alleine gebraucht. Auch der Reim war nicht völlig außen vor! Insgesamt ergab sich so eine schöne, ausdrucksstarke, wandlungsfähige Strophe, ein Baukasten, aus dem man sich auch heute noch bedienen kann und, schreibt man denn selbst Verse, dann etwas altes und zugleich vergleichsweise frisches nutzt: Die Strophe wurde ab dem 19. Jahrhundert nicht mehr verwendet und wirkt heute daher unverbraucht.