Erzählformen: Das Triolett (5)

Gar nicht so häufig, wie man vermuten sollte, weisen Triolette die vorgesehenen acht Verse auf: Von den hundert Trioletten der Probel taten das nur 83. In (4) waren schon zwei Triolette mit nur sieben Versen zu bewundern, die meisten der 17 Abweichler hatten aber neun Verse, also einen zuviel – ein Beispiel von Jules Chevalier Potier:

 

Und es ist ein Buch der Lieder
Unser Herz im Busenschrein,
Amor mit dem Goldgefieder
Ist von diesem Buch der Lieder
Der Verfasser ganz allein!
Wollt ihr also singen, Brüder!
Blickt in euer Herz hinein;
Denn es ist ein Buch der Lieder
Unser Herz im Busenschrein!

 

Sonst ein klassisch gebautes Triolett, und der Blick auf das Reimschema, ABaAbabAB, zeigt: In der Mitte hat sich ein zusätzlicher b-Reim eingeschlichen, der aber die Wirkung des Trioletts nicht weiter beinflusst oder verändert!

Triolett vom Ironieversagen

Vogel hat auf Kopf geschissen,
Mann hat Scheiße abgewischt:
„Nimmermehr möcht‘ ich dich missen,
Vogel, der du hast geschissen!“
Der vernahm’s, hat dienstbeflissen
Neue Scheiße angemischt;
Vogel hat auf Kopf geschissen,
Mann hat Scheiße abgewischt.

Erzählformen: Das Triolett (4)

Die letzte, wirklich grundlegende Eigenschaft des Trioletts: Es hat nur zwei Reime! Von den 100 Trioletten halten sich 93 daran, 7 weisen drei Reime auf. Nun ist diese Reihe von Einträgen eine beschreibende, und wenn die entsprechenden Verfasser sagen, das sind trotzdem Triolette, dann widerspreche ich ihnen nicht; aber ein Blick auf die Texte zeigt, dass es eigentlich bloß triolett-ähnliche Texte sind, meint, sie nehmen sich oft noch andere Freiheiten. Ein Beispiel von Heinrich Schmidt:

 

 Die entschwundene Rosenzeit

Wo bist du, holde Rosenzeit?
Die heitern Blüten sind gefallen,
Entflohen sind die Nachtigallen,
Wo bist du, holde Rosenzeit?
Hört ihr die Totenglocken klingen,
Und meines Mädchens Grablied singen?
Wo bist du, holde Rosenzeit?

 

Die Wiederkehr der Rosen

Kehrst du uns wieder, Rosenzeit?
Seht, wie sich alles neu gestaltet!
Und Knosp‘ an Knospe sich entfaltet!
Kehrst du uns wieder, Rosenzeit?
So soll, auf’s Neu‘, in deinen Armen
Mein liebeskrankes Herz erwarmen?
Kehrst du uns wieder, Rosenzeit?

 

Wieder ein Doppel-Triolett – die sind recht beliebt und gestalten dann oft, wie hier, einen Gegensatz. Neben den drei Reimen fällt auch auf, dass die beiden Texte nur sieben Verse lang sind; Das trioletthafte beschränkt sich in ihnen eigentlich auf das dreimalige Vorkommen eines Verses! Was ohne Zweifel eine wirkungsstarke Form sein kann …

Erzählformen: Das Triolett (3)

Die zweit-ausgeprägteste Eigenschaft der 100 im letzten Beitrag angesprochenen Triolette ist die Alternation, was meint: Es gibt kaum Triolette in daktylischem oder anapästischem Versmaß, fast alle sind iambisch (69) oder trochäisch (30). Das eine nicht alternierende Triolett hat eine Menge recht wahllos verstreuter zweihebiger Senkungen, ohne dabei regelmäßig zu sein.

Die dritte Eigenschaft: Isometrie! Meint, die große Mehrzahl der Triolette besteht aus Versen mit gleicher Hebungszahl; das Verhältnis liegt bei 97:3. Eine der drei Ausnahmen ist „Am ersten Mai“ von Ludwig Gleim.

 

Heut wollen wir beisammen sein,
Mein Mädchen, ich, und meine Nachtigallen,
Im Ahornwäldchen ganz allein!
Heut wollen wir beisammen sein;
Tief in den Ahornwald hinein
Soll meine Flöte heut erschallen!
Heut wollen wir beisammen sein,
Mein Mädchen, ich, und meine Nachtigallen.

 

Und ich denke, das ist ein überzeugender Text, jedenfalls in Bezug auf seine Gattung – und etwas von der Wirkung, die „damals“ von ihm ausging, ist auch heute noch zu spüren?! Die beiden fünfhebigen Verse (V2, V8) heben sich dabei wirkungsvoll von den restlichen, vierhebigen Versen ab.

Erzählformen: Das Triolett (2)

Vor einigen Tagen fand ich eine Mappe wieder, in der sich 400+ Triolette befanden. Das schien eine gute Gelegenheit, einer grundsätzlichen Frage nachzuspüren: Was sind die unverzichtbaren Eigenschaften eines Trioletts, und welche Eigenschaften sind eher eine Möglichkeit als eine Notwendigkeit? Eine (zugegebenermaßen sehr kleine) Stichprobe von 100 Trioletten des 18. und des 19. Jahrhunderts (die ersten 100 der Mappe) kann helfen, darüber Klarheit zu gewinnen; vertreten sind ausschließlich Texte, die von den jeweiligen Verfassern, manchmal von den Herausgebern als „Triolett“ gekennzeichnet wurden; die Verfasser zählen dabei eher zur zweiten und dritten Reihe der deutschen Dichter, manchmal sind es auch ganz Unbekannte. Einige Übersetzungen aus dem Französischen sind dabei; insgesamt scheint es mir eine brauchbare, weil ausgeglichene Textmenge.

Desto häufiger eine Eigenschaft auftaucht, desto unverzichtbarer ist sie. Was nicht wirklich stimmt, aber eine brauchbare Annährung scheint … Und da zeigt sich, die unverzichtbarste Eigenschaft eines Trioletts ist: Es ist gereimt – das trifft auf alle 100 Triolette zu. Auf 98 ohne Wenn und Aber; Die restlichen beiden bilden ein Doppeltriolett:

 

Sie

Alle Röschen, die mir lächeln,
Muss ich ohne Säumen pflücken.
An dem Busen muss ich tragen
Alle Röschen, die mir lächeln.
Ob mein Vater mir auch zürne,
Dass ich seine Blumen breche:
Alle Röschen, die mir lächeln,
Muss ich ohne Säumen pflücken.

Er

Alle Mädchen, die mir lächeln,
Muss ich an den Busen drücken.
Küssen muss ich, ohne Fragen,
Alle Mädchen, die mir lächeln.
Ob die Holde mir auch zürne,
Was auch ihre Mutter spreche;
Alle Mädchen, die mir lächeln,
Muss ich an den Busen drücken.

 

In diesen beiden Trioletten von Peschek (die man inhaltlich vermutlich besser gar nicht erst zur Kenntnis nimmt) sind die drei Verse, die nicht in den AB … A … AB Grundaufbau eingebunden sind, im jeweiligen Triolett reimlos; im jeweils anderen Triolett finden sie allerdings ihre Entsprechung. Und auch der Grundaufbau reimt triolettübergreifend!

Unbehaust

Im Mai bemerkt die Unsinnsmaus,
Dass kühl und klamm die Nacht ist,
Und schaut sich um: Ein Schneckenhaus
Bemerkt im Mai die Unsinnsmaus
Und zieht dort ein; und zieht dort aus,
Weil’s nicht für sie gemacht ist –
Erneut bemerkt die Unsinnsmaus,
Dass kühl und klamm die Nacht ist …

Erzählformen: Das Triolett (1)

Das Triolett, aus der französischen in die deutsche Dichtung gekommen, ist dort seit dem 18. Jahrhundert immer eine Randerscheinung geblieben. Es ist auch nicht wirklich eine „Erzählform“, obwohl man darin erzählen kann (und ich das gelegentlich auch mache). Weit eher eine Bühne für Spielerei und Tändelei, hat es zwar eine recht feste Formvorgabe, aber an die ist sich zumindestens im Deutschen sooft gehalten worden wie nicht gehalten worden … Ich stelle hier erst einmal ein „regelgerechtes“ Triolett vor, und dann können die folgenden Beiträge schauen, wie man die Abweichungen von der Grundform zum einen beschreibt und zum anderen beurteilt.

 

Pflege

Wer biegeln will, des Biegeleisen
Sei schwer und heiß, doch nicht zu heiß:
Dies möchte Brand und Stank verheißen!
Wer biegeln will, des Biegeleisen
Soll stets sich blank poliert erweisen
Und gleiten hin und her mit Fleiß.
Wer biegeln will, des Biegeleisen
Sei schwer und heiß, doch nicht zu heiß!

 

Karl Friedrich Schimper hat eine deutlich dreistellige Zahl Triolette geschrieben; und da ist das hier schon eines der sinnvolleren … Vom Inhalt abgesehen – das Triolett hat ist seiner Grundform acht Verse; die Verse sind vierhebig und alternieren; es gibt nur zwei Reime; der erste Vers wiederholt sich vollständig als vierter und siebter Vers, der zweite Vers wiederholt sich vollständig als achter Vers;  das vollständige Reimschema ist ABaAabAB mit Großbuchstaben = Verswiederholung, und Kleinbuchstaben = „gewöhnlicher“ Reim.

Wer Schimper nicht kennt, sollte sich nicht wundern; für das deutsche Triolett ist er damit eine recht typische Erscheinung, denn an dieser Form haben sich eher die Dichter der „zweiten und dritten Reihe“ versucht!