Ein Roman

Der Anfang macht sich auf, das Ende zu besuchen,
Was selten ist, weil viel sie trennt;
Und bringt zwei Flaschen Weins mit sich, und Käsekuchen!
Wie man’s von guten Freunden kennt.
Und als die ganze Welt er nun durchwandert hat,
Und ankommt, trifft er auf – die Wahrheit:
Das Ende ist er selbst! Und isst und trinkt sich satt.

Gespräche einer Mainacht

Fröschlein, das du nächtens quakst,
Kümmert dich denn, was du sagst?
Was der Mensch davon versteht,
Der im Dunkel einsam geht,
Weil der scheue Schlaf ihn flieht,
Ihn der Mond ins Freie zieht?
Menschen? Was? Ich bin, hörst mich,
Fröschin, du! gelückelich.

Abbild

Und immer neu erstrahlt sein Glanz ihm wieder
– Solbert

Es spiegelt sich sogar in trübsten Flüssen
Nicht wirklich gern,
Doch pflichtbewusst, weil Verse reimen müssen!
Des Dichters Stern.

Sich zu helfen wissen

Was bleibt dem Dichter zu tun in so prosaischen Zeiten? Nichts weiter kennt er als Vers und Gedicht, und beides legt, kaum bemerkt, der Leser murrend beiseite, und greift stattdessen zu einem Roman … Da hilft nur eines: Er schreibt zwar Verse, aber er tarnt sie, indem die Verse nicht jeder für sich erkennbar werden, vielmehr nach Art der Prosa sich ordnen, ganz unverdächtig dem prüfenden Blick. So ist der Leser bereit, dem Dargelegten zu folgen, und weiß zuerst nichts von Vers und Gedicht; doch Verse liest er, er spürt den innewohnenden Rhythmus, und da! ihn hat die Bewegung bewegt.

Erzählverse: Der trochäische Vierheber (77)

Der trochäische Vierheber ist eine Form mit sehr, sehr weiten Einsatzbereichen; trotzdem verwendet ihn Michael Denis für eine Gattung, in der er sonst selten anzutreffen ist – das Wiegenlied!

Wiegenlied

Sei willkommen, holder Engel!
In der ersten Lebensblüte.
Kleines, allerliebstes Wesen!
Sei dem Freunde deines Vaters
Tausend, tausendmal willkommen!
Edler Hauch der Gottheit! Lerne
Deiner zarten Körperhülle
Nach und nach dich zu gewöhnen!
Blicke bald nach deiner Mutter,
Die auf deinen Wangen lächelt:
Blicke bald nach deinem Vater,
Der in deinem Auge lebet;
Schmiege dich bald an den weichen
Busen, dem du dich entwandest,
Und umschling mit frohem Stammeln
Deiner Mutter sanften Nacken.
Wann nun dein bemühter Vater
Dem Gedränge seiner Pflichten
Auf ein Weilchen nur entschlüpfet,
Und sich deiner Mutter nahend
Dich von ihrem Halse fodert,
Damal sträube dich ein wenig
(Denn dies müssen junge Schönen),
Bis er mit Gewalt dich raubet.
Aber dann, o Engel! küss‘ ihm
Seine männlichbraunen Wangen,
Küss‘ ihm weg den Philosophen,
Küss‘ ihm weg den Staatsgelehrten,
Küss‘ ihm alles aus der Seele,
Was ihm noch vom Krieger anhängt,
Dass er nichts als Vater bleibe. –
Doch ich singe schon zu lange.
Du beginnest einzuschlummern.
Sollte dies mein Liedchen wirken? –
Ja! dies wirken manche Lieder. –
Schlumm’re süß, mein holder Engel!

Erzählverse: Der iambische Siebenheber (12)

Die Epigrammatiker des 18. Jahrhunderts haben nicht oft, aber doch immer wieder den iambischen Siebenheber verwendet, für gewöhnlich im gereimten Distichon. Hier fünf derartige Beispiele von Johann Joachim Ewald:

An den Amyntas
Du sagst, dass meine Zunge stammle – das war mir längst bekannt;
Amyntas! Weißt du dieses auch? Es stammelt dein Verstand.

An Lynthiern
Du zeigest uns denselben Kopf bald weiß, bald schwarz, bald braun.
Wie trägst du denn dein eigen Haar, und wenn darf ich dir traun?

An die Leda
Du gehst verlarvt aufs Carnaval? Um nicht erkannt zu sein,
So wasch nur, Leda, dein Gesicht von aller Schminke rein!

An den Licin
Wie du mein Sinngedicht erklärst, Licin! so ist es dein;
Doch wie mans ohne dies versteht, Licin! so ist es mein.

An den Maximin
Dass Lucius, o Maximin! dein Kind so liebreich drückt,
Ist: weil er deiner Frau und sich nichts ähnlichers erblickt.

Gleich der erste Vers des ersten Distichons hat allerdings, als Ausnahme, vor der Zäsur eine überzählige unbetonte Silbe.