Erzählformen: Das Distichon (123)

In seinen alten Jahren hat Friedrich Rückert Gedichte nur noch für sich selbst geschrieben, ohne die Absicht, sie zu veröffentlichen; und das in großen Mengen, am Ende waren es Tausende.
Dieses Alterswerk herauszugeben hat sich erst 2002 der Wallstein-Verlag entschlossen, ein Ereignis, das vielerorts zur Kenntnis genommen und besprochen wurde, so etwa in der ZEIT (Wen stört denn ein Verrückter), in der Süddeutschen Zeitung (Einst auf unscheinbaren Schnitzeln) und in der FAZ (Seufzendste der Kreaturen). Alles dort über die „Liedertagebücher“ Geschriebene scheint mir sehr bedenkenswert!

Inzwischen sind nun 18 Jahre vergangen, und es liegen viele dieser Gedichte vor. Es zeigte sich, viele sind in Distichen geschrieben, oft hat Rückert die Form des Doppeldistichons genutzt; und schaut man die Menge dieser Doppeldistichen durch, zeigt sich, dass Rückert immer wieder den gleichen gedanklichen Ausgangspunkt wählt zur Beschreibung der verschiedensten Zusammenhänge, den gleichen bildlichen Rahmen; und solchen Linien ein Stück weit nachzugehen, scheint mir reizvoll und soll in diesem und den folgenden Distichon-Einträgen geschehen.

Hier, als Beginn, ein solches Doppeldistichon aus dem Jahr 1856 – in seiner sprachlichen Gestaltung ungefüge (nicht aber: reizlos) und, so scheint es, nicht sonderlich besorgt um etwaige Leser; vom Inhalt her an sich bemerkenswert, aber auch ein Startpunkt für die angedachte Wanderung durch Rückerts Wahl des Sonnenuntergangs.

So umsäumen die Wolken mit farbigem Edelgesteine,
Sonn‘, ohn‘ unterzugehn, hättest du nimmer gekonnt.
So geht unter ein Glück, dass Erinnerung schöner es male;
Untergegangene Sonn‘, aber es folgt dir die Nacht.

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