Die Uz-Strophe (19)

Bisher habe ich meist einzelne Strophen vorgestellt; das wird den Gedichten der Zeit um 1750 allerdings nicht wirklich gerecht, da die doch vergleichsweise umfangreich sind. Heute daher von Johann Jakob Dusch sein „Zum Beschluss des 1756sten Jahres“ – ein Dutzend Strophen, was ungefähr dem Durchschnitt entsprechen dürfte.

Es ist ein wenig eine Chronik; Erst wird noch einmal das Erdbeben und der Tsunami von Lissabon (1.11.1755) verhandelt, dann die Elbe-Sturmflut vom 7.10.1756; und nicht zu vergessen der siebenjährige Krieg, dessen Kampfhandlungen im Frühsommer 1756 einsetzten.

Formal sind es gereimte Uz-Strophen, die einige Abweichungen aufweisen; aber für mein Gefühl nicht zuviel für einen Text dieser Länge.

Genug, ach Vater! genug hast du Europa verheeret,
Und ihre schüchternen Völker geschreckt;
Genug die Fürsten gebeugt, und ihre Städte zerstöret,
Und ihre Straßen mit Leichen gedeckt!

Noch tritt der blutende Waise, mit schwachen zitternden Füßen,
Des Tagus gebeinvolles Ufer, und weint.
Auf Trümmern wandelt er da von Schlössern, nun niedergerissen,
Ein weites Begräbnis, das Tausend vereint.

Ach wo? Wo war da ein Schutz, als auf der Schrecknisse Flügel
Dein ernster Engel den Erdenkreis schlug;
Und in die Täler hinab, und auf die taumelnden Hügel
Die Wellen sich rissen, der Boden nicht trug?

Das Weltmeer ängstete sich, und floh, und kehrte dann wieder,
Und donnert an die Gestade hinauf.
Die Städte sanken, und Gipfel von Bergen stürzten sich nieder,
Und häuften Hügel, ein Grabmal, darauf.

Uns schlugst du später. Wir sahn den Himmel mit Stürmen umzogen,
Und seine Plejaden Verwüstungen dräun.
Die Elbe wallte empor, und stürmte mit donnernden Wogen
Die langen, gigantischen Vormauern ein.

Im Sturm arbeitete sie, und warf, wie tanzende Bälle,
Die Schiff‘, und streute die Trümmer umher.
Der Landmann flohe mit Zittern die hinter ihm brausende Welle,
Und wo er pflügte, da wurde nun Meer.

Der Herbst ersäufet in Fluren und Gärten; sein Antlitz zu zeigen,
Sah kaum aus Wassergefilden hervor
Der Obstbaum, spiegelte sich, und hielt auf trächtigen Zweigen
Die güldene Frucht aus der Welle empor.

Und nun! – O heiliger Lenz, was wird Europa erfahren,
Eh‘ deine Gefilde noch einmal verblühn!
Ich sehe den schrecklichen Krieg, von Waffen tönende Scharen,
Zwo Welten, aus allen Gegenden ziehn!

So lagert sich um die Gebirge ein drohendes Wetter zusammen,
Wird reif, und reißt sich in Täler hinab,
Und schwärzet bange Gefilde, und schüttet Hagel und Flammen,
Und eine weite Verwüstung herab.

Der Greis erzählt einst den Zwist den Enkeln, die ruhiger leben,
Der ihrer Väter Schwerter gewetzt.
Die dünne Nachwelt wird dann den Bußtag feiern, und beben,
Der drei Weltteile in Aufruhr versetzt.

Wo ist der Retter? Zu wem soll der Geängstete fliehen,
Auf den die Geißel der Züchtigung fällt?
Vor wem der heilige Priester am rauchenden Altare knien,
Als vor dem mächtigen Vater der Welt?

O schau doch gnädig herab, dass die Gewitter verziehen!
Entreiß die blinkenden Schwerter der Hand!
Es müsse der schwangere Lenz auf ruhigen Fluren verblühen;
Und Eintracht führe die Pflugschar durchs Land!

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