Erzählformen: Die Stanze (9)

Auch wenn die Stanze im Deutschen nach italienischen Vorbild, was meint: als Erzählstrophe  Fuß fasste – schlussendlich sind die meisten deutschen Stanzen dann eben keine epischen, sondern lyrische. Johann Wolfgang Goethe hat diesen Schritt auch gemacht: „Die Geheimnisse“, einen erzählenden Text, hat er nach 40+ Strophen abgebrochen. Zwei davon:

 

Willkommen, ruft zuletzt ein Greis, willkommen,
Wenn deine Sendung Trost und Hoffnung trägt!
Du siehst uns an; wir alle stehn beklommen,
Obgleich dein Anblick unsere Seele regt:
Das schönste Glück, ach! wird uns weggenommen,
Von Sorgen sind wir und von Furcht bewegt.
Zur wichtgen Stunde nehmen unsre Mauern
Dich Fremden auf, um auch mit uns zu trauern:

Denn, ach, der Mann, der alle hier verbündet,
Den wir als Vater, Freund und Führer kennen,
Der Licht und Mut dem Leben angezündet,
In wenig Zeit wird er sich von uns trennen;
Er hat es erst vor kurzem selbst verkündet.
Doch will er weder Art noch Stunde nennen:
Und so ist uns sein ganz gewisses Scheiden
Geheimnisvoll und voller bittrer Leiden.

 

Da ist zwar von dem Druck, den die Reimhäufung auf den Text ausübt (und den jeder gespürt hat, der schon einmal Stanzen geschrieben hat) nicht viel zu spüren, alles liest sich fließend und ungezwungen; aber hernach hat Goethe ganz andere Stanzen geschrieben …

Formal gesehen ist bemerkenswert, dass die Verschlüsse nicht in allen Strophen gleich sind, sondern – wie hier zu sehen – zwischen weiblichen und männlichen Reimen wechseln.

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