Erzählformen: Die Stanze (5)

Im Deutschen kam die Stanze mit Wilhelm Heinse in Schwung, der 1774 im Anhang seines „Laidion“ eine kürzere Erzählung in Stanzen veröffentlichte. Ende 1773 hatte er einen Großteil dieser Stanzen an seinen Freund und Förderer Christoph Martin Wieland geschickt in einem Brief, der ganz wunderbar ist …

Nach dem eigentlichen Gedicht lässt sich Heinse über die Stanze an sich aus:

Der Bau der Stanze. Ich las in der Vorrede zu Ihrem Idris: „Die Schwierigkeiten würden unendlich gewesen sein, wenn ich mir in der Länge und Kürze der Zeilen nicht eine Freiheit erlaubt hätte, welche die Natur unserer Sprache zu erfordern schien.“ Ich antworte hierauf: Richtig ist es, dass die regelmäßige italienische Stanze wenigstens hundert Mal schwerer ist als die freie Stanze im Idris; ob diese aber die Natur unserer Sprache zu erfordern scheint – müsste wahrscheinlich durch die geringere Anzahl unserer weiblichen dreifachen Reime entscheiden werden, denn an Wörtern fehlt’s uns nicht hauptsächlich; nun wollt‘ ich aber behaupten, dass sich der weiblichen Reime selbst im Idris wenigstens eine Anzahl zu zehn Gesängen findet, ohne das dadurch die geringste Monotonie entstehen sollte.

Hm. So richtig klug ist es wohl nicht, dem Mann, der die eigene Dichtung drucken soll – in diesem Brief bietet sie Heinse Wieland für dessen Zeitschrift „Merkur“ an -, zu sagen, dass er selbst es sich zu leicht gemacht hat, noch dazu aus nicht stichhaltigen Gründen? Aber das ficht Heinse auch im Weiteren nicht an:

Ferner sagen Sie, dass diese Freiheit eine Quelle von musikalischen Schönheiten geworden ist. Ich geb‘ es zu, Ihrem tranzendalistischen Genius in Ihrem bezaubernden Idris; aber lassen Sie uns andere Erdensöhne uns eben dieser Freiheit bedienen, was wird da herauskommen? 

Damit wechselt er aber endlich zu seinen eigenen Versen:

Ich habe also in meiner Stanze lauter fünffüßige Jamben genommen; und damit sie meine Enkel singen mögen, wie die Gondolieri die Stanzen des Ariosto – lächeln Sie nur immer über meine närrische Grille! Sie kann mir doch mehr nützen als schaden – immer die Reime auf einerlei Art abwechseln lassen.

Das klingt nun endgültig so, als sei Heinse schlicht besoffen vom Glück einer vollendeten Dichtung … Aber er überbietet das noch locker:

Dabei werd‘ ich mir es zum Gestz machen, keine einzige Stelle, wissentlich. aus allen epischen Dichtern nachzuahmen, geschweige zu übersetzen; warum soilt‘ ich das noch einmal sagen, was schon vor mir vortefflich gesagt wurde? Warum sollt‘ ich von hundert Stanzen des Ariosto eine für mich abzunagen mir die beschwerliche Mühe machen, da och leichter zehn andere während der Zeit erseinnen kann, die vielleicht ebenso gut sind?

Selbstvertrauen ist … da. Und Ariost, hier und an noch mehr Stellen dieses Briefs; er ist ohne Frage für alle diese Dichter und Dichtungsdenker eine ganz wichtige Bezugsgröße!

Übrigens haben mich diese 40 Stanzen nicht zuviel Mühe gekostet, in zwo Nächten, ich beteur‘ es Ihnen beim Apoll und den Musen! hab‘ ich sie an meinem Klavier aus der Seele gesungen,  um …

Ich lasse es mal dabei – der Brief ist zwar noch um einiges wunderlicher, aber das hat nichts mehr mit der Form als solcher zu tun. Im nächsten Eintrag folgt dann der Blick auf die Stanzen selbst! Mit denen, das will Heinse im wesentlichen sagen, die „Hauptform der deutschen Stanze“ ihren beachtlichen ersten Auftritt hatte.

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