Erzählformen: Die alkäische Strophe (26)

Mit den Zäsuren ist es in der deutschen alkäischen Strophe so eine Geschichte … Die ersten beiden Verse haben zwar eine Zäsur, die wird aber fast genauso oft miss- wie beachtet; und der dritte und vierte Vers haben überhaupt keinen festen Einschnitt. Trotzdem gliedern sie sich in den meisten Fällen, und dazu merken die Metriken dann an, dass im dritten Vers ein Einschnitt nach der vierten oder der sechsten Silbe eine schöne Wirkung zeigt, im vierten Vers aber ein Einschnitt nach der vierten oder siebten. Die zweite Strophe aus Wilhelm Waiblingers „Der Monte Pincio“:

 

Wär‘ ich geboren, wär‘ ich erzogen auch
An deinem Lichtquell, könnt‘ ich die Reinheit doch,
Könnt‘ ich die Milde nicht, die Wärme
Dieser Natur in mein Lied einhauchen.

 

Da sind in den ersten beiden Versen die geforderten Einschnitte nach der fünften Silbe da, im dritten Vers nach der sechsten Silbe; und der vierte Vers gliedert sich durch zwei Wortfußgrenzen nach der vierten und siebten Silbe:

Dieser Natur | in mein Lied | einhauchen.
— ◡ ◡ — | ◡ ◡ — | ◡ — ◡

Das ist in der Tat eine abwechslungsreiche und darum wirksame Versgliederung; und wenn sie auch nicht häufig vorkommt, so findet sie sich vereinzelt doch bei so gut wie allen Verfassern alkäischer Strophen.

Dieses Gedicht ist wirklich an einem der schönen italischen Frühlingsmorgen, die der Dichter mit dem Dante oder seinen eigenen Phantasien unter den Akazien und Platanen der Villa Medizis zubrachte, in einer Art der Verzweiflung über das Gefühl der Unmöglichkeit entstanden, die Fülle der unermesslichen Schönheit um ihn herum mit Worten erfassen zu können.

Sagt Waiblinger zum Gedicht insgesamt; auch das ist einen Blick wert …

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