Erzählformen: Das Distichon (111)

Einer der Dichter, die mir immer ein Rätsel bleiben werden, ist Ludwig Theobul Kosegarten. Sein „An Rosa“ fängt so an:

 

Eine Rose blühte. Sie war die schönste des Gartens;
Ihre schwellende Brust funkelt‘ im perlenden Tau;
Ihre Blätter erglühten im Wiederscheine des Frührots;
Ihr vollströmender Duft lockte den Wand’rer herbei.
Jünglinge liebten die Holde; des Tales blühendste Töchter
Hingen zärtlich an ihr, staunten errötend sie an –
Aber sie welkt‘; ihr Purpur verblich, ihr atmender Duftkelch
Lechzte versiegt; verdorrt trieben die Blätter umher.

 

Der erste Satz aus drei Worttrochäen ist der untauglichste Weg überhaupt, einen Hexameter zu beginnen; und wofür genau waren jetzt überhapt diese vier Distichen gut – was beginnen sie?

 

Frühlinge wurden geboren, und Frühlinge starben; der Rose
Uranfänglicher Stoff schwebet‘ im Äther umher.
Und es beseelte des Ewigen Hauch den wandelnden Urstoff,
Hauchete Stimm‘ und Gesang, Leben und Lieben ihm ein.
Eine Nachtigall ward er, die Liederreichste des Tales.
Durch die Weiden am Bach flötet ihr schmelzendes Lied.
Liebende wandelten horchend am Bach, und inniger schlang sich,
Wenn die Sängerin schlug, an den Verlobten die Braut.
Einen Frühling lang sang sie. Es welkte der freundliche Frühling,
Und der Sängerin Lied tönte nicht ferner am Bach.
Mit den sinkenden Blättern entsank sie dem Aste des Strauches
Und zum Äther gerückt wallte der flüchtige Staub.

 

Ah … ja. Gut. Dieses wissend: wie geht es weiter?!

 

Frühlinge wurden geboren, und Frühlinge welkten. Noch immer
Wallte der Sängerin Staub in dem ätherischen Raum.

 

Anscheinend gar nicht – oder doch, jetzt:

 

Wieder beseelte des Ewigen Odem den wandelnden Urstoff,
Hauchte lebendigen Hauch, edlere Schönheit ihm ein.
Und er reift‘ empor zu einer unsterblichen Seele
Leuchtender Hülle, zu dir, edele Rosa, empor.

 

Wir nähern uns – wem oder was, ist noch unklar. Wer ist denn, erst einmal,  diese Rosa?!

 

Sieh‘, ein holdes Mädchen entblühte der Asche, mit jeder
Herzgewinnenden Huld, jeglicher Güte begabt.
Traut, wie Schatten, demütig, wie Veilchen, milde, wie Lenztau,
Rein, wie der Lilie Kelch, süß, wie Narzissengedüft.

 

… Eine Ansammlung von Klischees, augenscheinlich. Ich breche hier ab, der Text geht aber noch ein gutes Stück weiter, was ich weiß, weil ich ihn gelesen habe; aber warum bloß? Dieser Kosegarten ist mir ein Rätsel …

Ein Gedanke zu “Erzählformen: Das Distichon (111)

  1. Hallo Ferdi,

    kenne den Text nicht, trotzdem hört es sich an, als ob Kosegarten seine Jugendliebe darstellt, die er aus den Augen verloren hat und als er sie nach Jahren wiedergesehen hat war die Dame nicht mehr so Taufrisch ( wie oberflächlich). Und siehe da, was sie in der Zwischenzeit gebar, ein Mädel, dass bereits wohl entsprechend jugendlich und schön ist. Die hat dann diese Empfindungen in ihm geweckt. Entweder so dass er dran genascht hat oder gerade das nicht können und wollen ( ist ja nicht unbedingt üblich, wenn man schon mit deren Mutter Zeit verbrachte) durfte.

    Gruß Täubchen

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