Erzählverse: Der Hexameter (176)

In den Tagen der „Flüchtlingskrise“ ist auch Johann Wolfgang Goethes von Flüchtenden erzählendes Epos „Hermann und Dorothea“ wieder ein Stückweit ins Bewusstsein gerückt, wie im Herbst 2016 eine „szenische Lesung“ am Burgtheater in Wien bewies oder, zu Beginn des letzten Jahres, diese als Youtube-Schnippsel verfügbare Lesung bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen:

Hermann und Dorothea

Zum Vortrag kommen diese Verse aus „Klio“, also dem sechsten Gesang:

 

Sie verwendete schnell, fürwahr, und gut die Geschenke.
Diese sind deutliche Zeichen, es treffen die übrigen alle;
Denn der rote Latz erhebt den gewölbeten Busen,
Schön geschnürt, und es liegt das schwarze Mieder ihr knapp an;
Sauber ist der Saum des Hemdes zur Krause gefaltet
Und umgibt ihr das Kinn, das runde, mit reinlicher Anmut;
Frei und heiter zeigt sich des Kopfes zierliches Eirund,
Und die starken Zöpfe um silberne Nadeln gewickelt;
Sitzt sie gleich, so sehen wir doch die treffliche Größe
Und den blauen Rock, der vielgefaltet vom Busen
Reichlich herunterwallt zum wohlgebildeten Knöchel.

 

Ich gehe davon aus, dass die Vortragenden wissen, was sie tun; aber ob sie nicht doch dem Vers etwas mehr hätten vertrauen können, oder gar: sich ihm anvertrauen?!

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