Erzählverse: Der Blankvers (122)

Als 1771 Johann George Scheffners „Gedichte im Geschmack des Grécourt“ erschienen, war die Aufregung groß: Nach den Maßstäben der Zeit waren sie ungemein freizügig. Was sich dann zum Beispiel so las – das Ende von „Ein lehrreicher Traum“, in dem Amor einem schlafenden Mann erscheint und ihn anspricht:

 

„Dies ist“, hier wies er seinen kleinen Szepter,
„Der Heber, der die wundertät’gen Säfte
Wollüstig eintrinkt, und dann aus sich spritzt;
Leg ihn nur an den Rand der Nektarschale,
Er wird sich bald mit ihr vertraut vereinigen,
Und weißer Schaum wird ihn und sie umziehn.
Füll lang, beglückter Jüngling, Chloens Becher,
Er öffne sich, wenn du dich dürstig näherst,
Wie Rosen, wenn sich West und Sonne nah’n,
Und wenn du gnung aus diesem Kelch getrunken,
Dann küss zur Stärkung Chloens vollen Busen,
Und trinke Wein aus ihrer hohlen Hand.“

 

Heutzutage ist die Reaktion auf derlei vielleicht etwas unaufgeregter … Betrachtet man den Vers, so fällt auf, dass der fünfte Vers ein wenig unregelmäßig ist: „vereinigen“, was man aber einfach als „verein’gen“ lesen kann oder eben mit zweisilbig besetzter Schlusssenkung. In der erweiterten Ausgabe „Gedichte nach dem Leben“ (1792) ist auch dieser Gedichtschluss erweitert:

 

„Dies ist“, hier wies er seinen kleinen Szepter,
„Des Allgewalt die Schäferin und Fürstin
Erkennen, und der sie oft bis zur Ohnmacht rührt,
Dies ist der Heber, dessen wundertät’ges Druckwerk
Die Menschensaat zum Mutterschoße führt.
Leg ihn nur an den Rand der Nektarquelle,
Ihr mildes Nass wird ihm die Wege glätten
Und mischt sich gern mit ihrem Lebensöl.
Füll lang und fleißig Chloens Becher,
Er öffnet sich, wenn du dich durstig näherst,
Wie Rosen, wenn sich West und Sonne nahen;
Und wenn nach manchem Meisterzug aus ihm
Ein kleiner Müdheitsschau’r dich überfällt,
Dann küss zur Stärkung Chloens Schwanenbusen,
Schlürf etwas Wein aus ihrer Hand:
Doch wenn vom Wein und diesem Stärkungskusse
Die Lust zum Trunk aus meinem Lieblingsschälchen
Nicht wiederkehrt, dann leg dich hin und – schlaf.“

 

Erweitert ist dabei auch die Unregelmäßigkeit – V3 und V4 sind entweder sechshebig oder haben zwei doppelt / mehrfach besetzte Senkungen, zusätzlich stellt sich ein Reim ein (V3, V5)! Sehr eigenartig … Am Ende, im viertletzten Vers, ist dann noch ein Vers zu einem Vierheber verkürzt, wobei die lange Sprechpause aber den fehlenden Versfuß halbwegs ausgleicht?!

Inhaltlich läuft der Text nicht mehr einfach aus, sondern gönnt sich noch eine kleine Pointe; das tut ihm sicher gut.

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