Erzählverse: Der iambische Vierheber (12)

Regina Ullmanns „Erwachen“, zu finden in ihrem 1919 im Insel-Verlag erschienenen Band „Gedichte“, ist inhaltlich nicht mehr auf der Höhe der Zeit, vermutlich; aber vom Aufbau her zeigt es einige bedenkenswerte Möglichkeiten des Vierhebers:

 

Ich lag in dir noch unverzweigt,
Du tiefer Felsen einer Nacht;
So kalt wie Stein und trostesarm.
Da fühlt ich plötzlich, wie der Tag
Sich an dem Sein im Licht verfing
Und liebewarm und flammenhaft
Sich an die kleinsten Dinge hing.
Da war ich wach.
Doch war mir noch ein Silberklang,
Der sich an einem Zimbal schlug,
Erhörbar,
Und meines Engels Morgengang.

 

– Anfangs ein unscheinbarer Text aus ganz regelmäßigen iambischen, ungereimten Vierhebern; mit dem Erwachen macht sich aber ein Reim bemerkbar, dem im weiteren noch ein witerer folgt, und die beiden eingestreuten Kurzverse – ein Zweiheber, ein Einheber – lassen den Schluss eher wie ein Madrigal erscheinen?! Nicht ganz, dafür sind noch zu viele Verse ungereimt; aber eine eigenartige Verschiebung der formalen Grundlage ist es doch!

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