Erzählformen: Die Brunnenstrophe (19)

Ein etwas weniger bekannter Text von Joseph von Eichendorff ist „Der Kühne“:

 

Und wo noch kein Wandrer gegangen,
Hoch über Jäger und Ross
Die Felsen im Abendrot hangen
Als wie ein Wolkenschloss.

Dort zwischen den Zinnen und Spitzen
Von wilden Nelken umblüht,
Die schönen Waldfrauen sitzen
Und singen im Wind ihr Lied.

Der Jäger schaut nach dem Schlosse:
Die droben, das ist mein Lieb! –
Er sprang vom scheuenden Rosse,
Weiß keiner, wo er blieb.

 

Drei Strophen, in denen die Senkungsstellen ganz unregelmäßig mit entweder einer oder zwei unbetonten Silben gefüllt sind; wobei diese unbetonten Silben noch dazu sehr unterschiedlich sind,  wie zum Beispiel „Wald-frau-en“ belegt?! Trotzdem sind die Verse erkennbar von gleichem grundlegenden Bau, und in dieser Eigenart auch vom Hörer erfahrbar; die Brunnenstrophe ist gut herauszuhören!

Inhaltlich ist es genau die Art von Erzähltext, der in der Brunnen-Strophe zur Geltung kommen kann: Nicht zu lang, nicht zu reich an Einzelheiten, nicht zu stark angewiesen auf innere Bezüge.

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