Erzählverse: Der iambische Vierheber (11)

Ich stecke im Augenblick in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts fest, also in den Zeiten vor Klopstock, in denen ein Gedicht grundsätzlich gereimt war; und im Fall, dass es das ausnahmsweise doch nicht war, dieses im Titel angemerkt wurde wie zum Beispiel bei Karl Friedrich Drollinger. „Unschuldige Frühlingslust, in reimenlosen Versen“ heißt das Gedicht, dessen zweite Hälfte ich vorstellen möchte; in der ersten Hälfte sammelt die „kleine Phyllis“ schon Blumen, als:

 

Doch, wenn ihr ein gewürzter Duft,
Den ein verborgner Veilchenbusch
Bis in die Ferne von sich haucht,
Geruch und Herze plötzlich rührt,
Dann fühlt sie einen neuen Trieb,
Dann wallt ihr Blut, dann eilt ihr Fuß.
Sie sucht, sie findt, sie jauchzt vor Lust.
Schau, wie sie lebt! Schau, wie sie lacht!
Schau, wie sie sich geschäftig bückt
Und pflückt und unersättlich pflückt,
Ihr Kleidchen füllt, das Haar bekränzt,
Und hüpft und singt; und dann zuletzt,
Beladen mit der süßen Last,
Nach ihrer Hütte wiederkehrt!
Da schüttet sie mit tausend Lust
Den Raub, den wunderschönen Raub,
Der himmelblauen Blüten Schatz
Der werten Mutter in den Schoß.

 

„Unschuldig“ fürwahr; im höchsten Grade. Und auch „reimenlos“ – die eine Ausnahme, das „bückt / pflückt“, kann man Drollinger durchgehen lassen …

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