Erzählverse: Der iambische Siebenheber (9)

Johann Baptist Vogl hat mit seinem „Der Doktorwein“ ein Beispiel für eine harmlos-heitere, im iambischen Siebenheber gestalteten Erzählung gegeben:

 

Ein alter König, fromm und gut, todkrank darnieder lag;
Doktoren schrie ein ganzes Heer sich heiser Nacht und Tag.

Ein jeder rief: „Ich bin’s allein!“ und gab ihm dies und das,
Doch aller Mittel ungeacht der Kranke nicht genas!

Das hört‘ ein greiser Rittersmann, des Königs Kampfgenoss,
Der lacht und ruft den Knappen zu: „Schnell, sattelt mir mein Ross!“

Drauf stieg in den den Keller tief, da lag ein Fässchen Wein,
Das nimmt er auf und reitet froh damit zur Hofburg ein.

„Zum kranken König führet mich, ich bring‘ ihm Arzenei;
Und so der Herr mir folgen will, wird er vom Sichtum frei!“

 

Man ahnt, wie die Geschichte ausgeht: Der König wird über dem Leeren des Fässchens gesund. Das alles hat sich Vogl nicht ausgedacht, es ist nur seine Augestaltung einer alten Legende; und auch sein eigenes Ende war durch den Wein nicht aufzuhalten, wenn auch ratlose Doktoren im Spiel waren.

Die Kräfte sanken zusehends, und schneller, als er es selbst, als die behandelnden Ärzte, als es seine Freunde erwarteten, verschied er (wahrscheinlich an Blutzersetzung) nach leichtem Todeskampfe in den Armen seiner herbeigeeilten Mutter, und umgeben von treuen Freunden, am 12. April früh 7 1/4 Uhr. Möge ihm die Erde leicht sein!

So schließt der Nekrolog, der in der Bayrischen Zeitung zu lesen war. Nicht jeder ist ein König, nicht alles ist eine Geschichte … Trotzdem:

 

Der König trank mit langem Zug den gold’nen Becher leer –
Sein Auge glänzt, er ruft entzückt: „Gib mir des Trankes mehr!“

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