Erzählformen: Das Madrigal (27)

Ein kurzer Text von Friedrich Rückert, nur eine kleine Beobachtung, festgehalten in seinem Liedertagebuch für 1850:

 

Im harten Winter war ein Rosenstock erfroren;
Der Gärtner schnitt ihn knapp
Über der Wurzel ab;
Nun schlägt er kräftig aus und blüht wie neugeboren
Auf seinem eignen Grab.

 

– Die beiden Sechsheber bestimmen den Leseeindruck, das zwischen sie eingeschobene Dreiheber-Reimpaar V2/V3 wirkt wie ein weiterer, aber aufgeteilter Sechsheber, wobei diese Aufteilung genutzt wird, um die strenge Alternation mit einer versetzten Betonung am Anfang von V3 aufzulockern; ein schließender Dreiheber nutzt denselben Reim wie V2 und V3 und gibt dem Gedicht so Geschlossenheit.

Nach dem Lesen kann man auch den Eindruck einer vierzeiligen Strophe aus Sechs- und Dreihebern bekommen, die um den dritten Vers erweitert wurde; aber wie immer man das Textlein formal auffassen mag, die „madrigalische Mühelosigkeit“, die Rückert so erreicht, ist großartig!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.