Erzählverse: Der iambische Siebenheber (5)

Das in (4) vorgestellte Reimpaar der Form …

x X / x X / x X / x X || x X / x X / x X
x X / x X / x X / x X || x X / x X / x X

… hat der von Langverspaaren sehr angetane Carl Spitteler in „Die Weltpost“ verwendet und dabei von dem stetigen, von keinem Zeilenumbruch aufgehaltenen Schreiten dieser Langverse guten Gebrauch zu machen gewusst:

 

Auf einem Berg ein Posthaus steht, das keinem andern gleicht,
Das nie ein Wandrer hat geschaut und nie ein Brief erreicht.
Die Riesensäle gähnen leer, kein Wort, kein Ruf erschallt.
Statt Menschengeist und Menschenhand wirkt eiserne Gewalt.
Von selber läuft das Räderwerk und eilt der Pendel Takt.
An allen Enden schafft es leis, prickelt und pocht und knackt.
Beständig summt der Telegraf und saust Depeschenflug.
Im Hofe vor dem Fenster fährt ein Doppelschienenzug.
Die einen Wagen fahren her, die andern fahren hin,
Viel tausend Seelen sitzen stumm und totenbleich darin.

Nur einmal, wenn auf Mitternacht der Wanduhrzeiger steht,
Juckt durch die Wand ein Glockenspiel, ein Hahn springt vor und kräht.
Die heiligen Apostel zwölf marschieren langsam auf.
Ein Herold hebt den Botenstab und eine Tür geht auf.
Jetzt öffnet er den Stentormund und stampft mit Stab und Fuß:
„Erhebet Euch, der Meister kommt, entbietet ihm den Gruß.“
Da braust ein Aufruhr durch das Haus und hast’ger Stimmenhall,
Urplötzlich stockt das Räderwerk und die Maschinen all:
Im Hofe stemmt den Eisenfuß die Doppelschienenbahn,
Alles pausiert erwartungsvoll und hält den Atem an.
Durch schwarzes Schweigen tönen laut elf Glockenschläge nur –
Doch wenn den zwölften Glockenschlag getan die Wunderuhr,
Da kichert’s in der Gegenwand und lacht wie Teufelshohn,
Ein Klingelruf, ein Judasschrei schrillt aus dem Telefon:
„Den Meister heischet ihr umsonst, der Meister der ist krank.“
Der Herold senkt den Botenstab und knarrend in den Schrank
Verschwinden Hahn und Glockenspiel, die Wand verschlingt das Tor,
Der Seelenzug hebt wieder an die Fahrt. Und wie zuvor
Geht bei geschäft’gem Rädertakt und Telegrafensang
Die wundersame Weltenpost den geisterhaften Gang.

 

Spannend zu hören, auch: Wo Spitteler den Vers mit einem tiefen Sinneinschnitt und damit einer deutlichen Pause schließt, und wo er, seltener, den Inhalt über die Versgrenze hinwegfließen lässt?! Die Zäsur wird nur im drittletzten Vers durch einen stärkeren, in der Nähe befindlichen Satzeinschnitt verwischt; auch die Auflockerung durch eine versetzte Betonung ist nur gelegentlich vernehmbar!

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