Erzählformen: Die Chevy-Chase-Strophe (3)

Will man die Grundform der Strophe abwandeln, stehen die üblichen Möglichkeiten zur Verfügung, zuallererst die gelegentliche Besetzung der Senkungsstellen mit zwei unbetonten Silben. Ein Beispiel dafür ist  Moritz Graf von Strachwitz‘ „Ein anderer Orpheus“, eine etwas eigenwillige Fassung des nordischen Sagenstoffs aus Atli- bzw. Nibelungenlied!

Gudrun schlägt bei Strachwitz Gunnar die die Harfe haltenden Hände ab, ehe sie ihn in den Schlangenturm werfen lässt. Der trägt seinen Namen nicht umsonst:

 

Und aus den Ritzen rechts und links
Vorkams und krochs und quolls,
Und zischend um den Ritter rings
Zehntausendstimmig scholls.

 

– Das ist die Grundform, alle Senkungen sind einsilbig besetzt! Gudrun ruft Gunnar in seiner misslichen Lage zu:

 

„Das ist ein guter Harfner traun,
Der in des Todes Weh,
Wenn man die Finger ihm abgehaun,
Noch harft mit seiner Zeh‘!“

 

Hier ist in V3 eine Senkung mit zwei unbetonten Silben besetzt, und die Wirkung ist deutlich: Eine Auflockerung des strengen Auf und Ab, und eine Beschleunigung der Versbewegung! Gunnar nimmt den wunderlichen Ratschlag an und spielt die Harfe mit den Füßen, was dieses Ergebnis zeitigt:

 

Drei Tage erscholl der Harfe Stimm‘,
Drei Nächte stark und gut,
Und ringsum horchte trotz Hunger und Grimm
Die funkeläugige Brut.

 

– Da sind dann schon drei Verse mit solchen doppelt besetzten Senkungen versehen, in V3 stehen sogar gleich zwei davon; die Grundform ist als Bezugsgröße ein wenig verloren gegangen und teilt sich dem Hörer nur noch schwach mit. Aber in ihrer abwechslungreichen Bewegung ist die Strophe trotzdem wirksam; und wahrscheinlich auch ein Hinweis darauf, dass, sollte jemand auf den Gedanken kommen, heute noch in dieser Strophe zu schreiben, er es besser in dieser (leicht) aufgelockerten Form tut – das klappernd-eintönige Auf und Ab der strengen Alternation wirkt doch recht altbacken!

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