Erzählverse: Der iambische Vierheber (10)

In seinem „Hyperion“ schreibt Friedrich Hölderlin eine sehr rhythmische und sich darin dem Gedicht zuneigende Prosa. Immer wieder erstaunlich, wie lang die Abschnitte sind, die im steten Wechsel von betonten und unbetonten Silben dahinströmen; und auch als Verse gesetzt werden könnten!

 

Wenn euer Garten so voll Blumen ist,
Warum erfreut ihr Odem mich nicht auch?
– Wenn ihr so voll der Gottheit seid,
So reicht sie mir zu trinken.
An Festen darbt ja niemand,
Auch der Ärmste nicht.
Aber einer nur hat seine Feste unter euch,
Das ist der Tod.
Not und Angst und Nacht sind eure Herren.
Die sondern euch,
Die treiben euch mit Schlägen aneinander.
Den Hunger nennt ihr Liebe,
Und wo ihr nichts mehr seht,
Da wohnen eure Götter.
Götter und Liebe?

 

Die erste Silbe ist mal betont, mal unbetont – aber sonst? Erst ganz am Ende gibt es eine „zweisilbige Senkung“ im Vers! Klar, es sind keine Verse; aber die Sätze bewegen sich wie solche, und manchmal bilden sie sich sogar zu richtigen Strophen aus, wie dieser aus iambischen Vierhebern:

 

Des Herzens Woge schäumte nicht
So schön empor, und würde Geist,
Wenn nicht der alte stumme Fels,
Das Schicksal, ihr entgegenstände.

 

Das könnte wirklich eine Strophe sein?! Gut, der vierte und letzte Vers endet im Gesgensatz zu den drei Versen davor mit einer unbetonten Silbe; aber das Kennzeichnen des Strophenendes durch eine leichte metrische Veränderung ist ja nichts unübliches!

Gründe, immer mal wieder in den „Hyperion“ zu schauen, gibt es viele; der Bewegung seiner Sätze nachzuspüren, ist darunter nicht der schlechteste.

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