Erzählformen: Das Madrigal (23)

Gotthold Ephraim Lessing ist berühmt für die Klarheit und Schärfe seiner Prosa; seine Verse ragen dagegen kaum über den Durchschnitt seiner Zeit heraus. Beispielhaft ist „Faustin“:

 

Faustin, der ganzer funfzehn Jahr
Entfernt von Haus und Hof und Weib und Kindern war,
Ward, von dem Wucher reich gemacht,
Auf seinem Schiffe heimgebracht.
„Gott“, seufzt der redliche Faustin,
Als ihm die Vaterstadt in dunkler Fern‘ erschien,
„Gott, strafe mich nicht meiner Sünden,
Und gib mir nicht verdienten Lohn!
Lass, weil du gnädig bist, mich Tochter, Weib und Sohn
Gesund und fröhlich wieder finden.“
So seufzt Faustin, und Gott erhört den Sünder.
Er kam, und fand sein Haus in Überfluss und Ruh.
Er fand sein Weib und seine beiden Kinder,
Und – Segen Gottes! – zwei dazu.

 

Das wirkt heute recht betulich?! Aber die Verse tragen es; Vierheber, Fünfheber, sechshebige Alexandriner (mit dem kennzeichnenden Mitteleinschnitt), bunt gemischt und gereimt, doch ohne feste Reimordnung – ein weiter Raum, durch den die Erzählung ihren ruhigen Gang geht. So waren damals viele Texte aufgebaut, einige hat der Verserzähler auch schon vorgestellt; und ich denke, auch jetzt überzeugt dieser Aufbau noch. Ein wenig schneller müsste alles sein, sicher; aber nicht viel, das Getragene, Geschlossene, Gebundene ist auch im 21. Jahrhundert wirksam!

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