Mit Versen erzählen!? (4)

Wie verbindet sich nun der Vers mit dem, was in (3) grundsätzliches zum Epos gesagt wurde?! Zum einen über die genannte Grundannahme, den „Rhapsoden“ und seinen mündlichen Vortrag, gerichtet an einen Kreis von Zuhörern. Dazu schrieb Hans Steckner 1927:

„Um echte epische Form zu begreifen, müssen wir uns den rhapsodischen Vortrag anschaulich vorstellen: stilisierten, musikalisch-rhythmischen, mehr oder weniger feierlichen Vortrag als eine öffentliche Angelegenheit.“

Und:

„Das strenge künstlerische Symbol dafür ist der Vers, die rhythmische Gebundenheit.“

Damit sind Vers und Epos verknüpft. Aus dieser Verbindung ergibt sich dann eine Wirkung, die sich mit dem deckt, was in (3) Schlegel über das Wesen des Epos angemerkt hat. Steckner:

„Der strengen rhythmischen – stichischen oder strophischen – Gebundenheit des Epos entspricht eine mehr oder minder förmliche Schwere, ja Schwerfälligkeit des sprachlichen Gefüges, eine mehr oder minder zeremonielle Zucht des Ausdrucks, ein klingendes festliches Pathos der Stimme, ein verhältnismäßig ausgeglichenes Tempo, eine ruhigere, harmonischere, sozusagen umständlichere Führung der inneren Linien. Das ungeheure Gleichmaß des Verses, sei es der kraftvolle Bogenschwung unzähliger Strophen, seien es die unzertrennbaren Kettenglieder der Terzine oder der ruhig rollende Wellenschlag des Hexameters, diese großartig feierliche Einförmigkeit wirkt auf den gesamten Stil und breitet sich kühlend, klärend, distanzierend, als ein ornamentaler Zwang über die Welt der epischen Stoffe.“

Kühlend, klärend, distanzierend – das scheint mir entscheidende  Wirkung des Verses in Bezug auf das Epos?! Man erinnere sich: „Das Epos ist die Darstellung des rein Objektiven“, sagte Schlegel.

Während Steckner hier einige Möglichkeiten der Versgestaltung anführt, sind die Dinge für Schlegel diesbezüglich eindeutiger. Er schreibt in „Vom Epos“:

„Das epische Silbenmaß ist der Hexameter, der durch seine gleiche Taktart der Ruhe, durch seinen zwischen Fall und Schwung gleich gemessenen Rhythmus der unbestimmten Richtung,  durch seinen unerschöpflichen Wechsel dem Umfange, und durch seine leichten und immer wieder verschiedenen Übergänge aus einem Verse in den anderen der Grenzenlosigkeit des Epos entspricht. Er ist schwebend, stetig, zwischen Verweilen und Fortschreiten gleich gewogen, und kann deswegen, ohne zu ermüden, den Hörer auf einer mittleren Höhe in ungemessene Weiten forttragen.“

Und damit sind Epos und Hexameter verknüpft …

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