Erzählverse: Der Hexameter (52)

Vom Wirklichen

Hexameter tun sich schwer damit, abstrakte Inhalte zu vermitteln – die langen Verse sind einfach zu sehr auf Gegenständlichkeit angewiesen, um nicht langweilig zu klingen; wie im Leerlauf. Dementsprechend setzen die meisten Hexameter-Texte auch mit Handlung ein, oder zumindestens mit einer Beschreibung. Goethes „Achilleis“ etwa:

 

Hoch zu Flammen entbrannte die mächtige Lohe noch einmal,
Strebend gegen den Himmel, und Ilios’ Mauern erschienen
Rot durch die finstere Nacht; der aufgeschichteten Waldung
Ungeheures Gerüst, zusammenstürzend, erregte
Mächtige Glut zuletzt. Da senkten sich Hektors Gebeine
Nieder, und Asche lag der edelste Troer am Boden.

 

Da kann man sich von Beginn an über fehlendes Ansprechen der Sinne eigentlich nicht beklagen! Als Gegenstück wähle ich den Anfang von Moritz Hartmanns „Adam und Eva“:

 

Glücklich in solcher Zeit, und dreimal glücklich ist jeder,
Dem ein Winkel gehört, dahin er vermag sich zu flüchten:
Sei’s ein Winkel, versteckt und vergessen im lieblichen Talgrund,
Fern dem Geräusche der Welt und nahe dem Rauschen der Quelle,
Nahe dem Brausen des Hains und nahe dem Liede der Lerche,
Wo er bald mit der Quelle, dem Hain und der Lerche sich Eins fühlt –
Sei’s ein Winkel in eigener Brust, ein Tuskulum, das stets
Mit ihm ziehet und flieht – ja glücklicher ist er zu preisen,
Denn die Natur, sie hat trotz Lerchen und Hainen und Quellen
Trotz Katarakten und Seen und Blumen und Leuchten der Gletscher
Nichts so schönes gemacht, als sich findet in jeglichem Herzen,
Wenn nur selbst es versteht den eingeborenen Reichtum.

 

Nicht, dass das jetzt schlechte Verse wären – aber man verspürt angesichts der zahlreichen Worthülsen der Art „im lieblichen Talgrund“ doch zunehmend den Drang, dem Verfasser ein „Nun fang endlich an, Mann!“ zuzurufen?! Hartmann allerdings fährt noch ein ganzes Weilchen so fort … Mich wundert nicht, dass sein Werk heutzutage unbekannt ist.

Dann doch lieber ein Abstecher zum Goethe-Anreger und Stammvater der epischen Dichter, Homer! In einem Vers aus dem zweiten Gesang  der Ilias führt Elphenor seine Männer in die Schlacht, aber dabei heißt es dann nicht einfach „Sein Volk folgte ihm rasch“, wobei „rasch“ ein sehr bildarmes Adjektiv wäre, sondern, wie Voss übersetzt:

 

Rasch ihm folgte sein Volk, mit rückwärtsfliegendem Haupthaar

 

„Mit rückwärtsfliegendem Haupthaar“! Eine sehr eindrückliche Verdeutlichung der Handlung! Und der Rest des Auftritts ist kaum weniger voll mit Anschaulichkeit:

 

Rasch ihm folgte sein Volk, mit rückwärtsfliegendem Haupthaar,
Schwinger des Speers und begierig, mit ausgestreckter Esche
Krachend des Panzers Erz an feindlicher Brust zu durchschmettern.

 

Drei Verse genügen, um einen Leser wirklichkeitssatt zu machen für, sagen wir, eine Woche.

2 Gedanken zu “Erzählverse: Der Hexameter (52)

    • Hallo Michel,

      danke für die Rückmeldung! Durch sie bin ich auf Carel Vosmaer aufmerksam geworden (ich denke, der ist gemeint?!). Die Zeitgenossenschaft mit Johann Heinrich Voss beschränkt sich, wenn das Internet denn recht hat, auf neun Tage (der eine wurde am 20. März 1826 geboren, der andere starb am 29. März, scheint’s); aber das ist dann vielleicht so eine Art Staffelübergabe gewesen, von einem Homer-Übersetzer zum anderen … Ich kann zwar gar kein Niederländisch, werde aber in Vosmaers Sachen trotzdem reinschauen – sein Hexameter-Werk „Londinias“ habe ich in den Weiten des Netzes eben schon entdeckt!

      Gruß,

      Ferdi

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.