Die Korrelation (4)

„Das europäische Sonett“ von Friedhelm Kemp, erscheinen 2002 bei Wallstein, hat der Verserzähler ja schon vorgestellt unter „Bücher zum Vers“. Ich sage hier aber gerne noch einmal, dass das zwei ganz wunderbare Bücher sind! Auf Seite 328 des ersten Bandes schreibt Kemp auch etwas zur Korrelation im Sonett:

Diese kunstvoll verschränkte Sonderart des Sonetts führen die Metriker als Korrelativsonett auf, als „sonnet en vers rapportes“, in dem mehrere – meist drei – Bildketten syntaktisch parallel durch das ganze Sonett hindurchlaufen. Das hat von fern etwas von einer Fuge und überzeugt nur, wenn es mit höchster Überwachtheit durchgeführt wird.

Vorgeführt wird die Korrealtion dann anhand eines Sonetts von Etienne Jodelle, der eine Dame in Form der „Diana triformis“ besingt; dementsprechend nutzt er eine dreigliedrige Korrelation, die sich in jedem(!) der 14 Verse findet:

 

Des astres, des forêts, et d’Achéron l’honneur,
Diane, au Monde haut, moyen et bas préside,
Et ses chevaux, ses chiens, ses Euménides guide,
Pour éclairer, chasser, donner mort et horreur.

Tel est le lustre grand, la chasse, et la frayeur
Qu’on sent sous ta beauté claire, prompte, homicide,
Que le haut Jupiter, Phébus, et Pluton cuide,
Son foudre moins pouvoir, son arc, et sa terreur.

Ta beauté par ses rais, par son rets, par la crainte
Rend l’âme éprise, prise, et au martyre étreinte :
Luis-moi, prends-moi, tiens-moi, mais hélas ne me perds

Des flambeaux forts et grefs, feux, filets, et encombres,
Lune, Diane, Hécate, aux cieux, terre, et enfers
Ornant, quêtant, gênant, nos Dieux, nous, et nos ombres.

 

Der Sterne Zier, der Wälder und der Schattenwelt,
Darf sich Diana dort und hier und da ergetzen,
Mit Pferden, Hunden und mit Eumeniden hetzen,
Dass sie uns strahlt, uns jagt und gräßlich überfällt.

So großen Glanz, so wildes Jagen, solch Entsetzen
Schickt deine Schönheit auch, hell, rasch und mörderisch,
Dass Jupiter, Apoll und Pluto minder sich,
Die Götter Blitz und Pfeil und Schrecken minder schätzen.

Dein Zauber hat mit Licht, mit List, mit Angst und Bangen
Die Seele mir gebannt, umgarnt und ganz umfangen:
So blende, greife mich, halt mich, doch ach! vernichte

Mit grellen Fackeln mich in Netzen nicht und Höhlen,
Luna, Diana, Hekate, dreifältig Lichte,
Schmuck, Drangsal, Qual, den Göttern, uns und unsren Seelen.

 

Die wunderbare Übersetzung stammt von Kemp. Die Korrelationen, denen am besten jeder selbst nachspürt, bauen auf folgenden Grundbegriffen auf:

Himmel (Licht) – Diana als Mondgöttin Selene;
Erde (Jagd) – Diana als Jagdgöttin Artemis;
Unterwelt (Tod) – Diana als Göttin der Unterwelt, Proserpina.

Gut möglich, dass sich das Sonett als „reine Form“ besonders für eine solch formabsolute Technik eignet, wie es die Korrelation ist?! Jodelles Sonett liest sich gut, einerseits; andererseits ist aber auch ein Gefühl von Übertreibung da, eben nach einem Überbewerten der Form. Das muss aber nicht sein, und im nächsten Eintrag zur Korrelation soll daher ein Sonett vorgestellt werden, das die Korrelation unaufdringlich-bereichernd nutzt.

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