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Erzählformen: Das Distichon (92)

Jahrelang stieg das Gerüst empor und strebten die Steine
Wie ein lebendig Gewächs einem Unendlichen zu.

 

So beginnt Johann Georg Fischer sein Gedicht „Turmbau“.

Die metrische Form:

Jahrelang / stieg das Ge- / rüst em- / por || und / strebten die / Steine
Wie ein le- / bendig Ge- / wächs || einem Un- / endlichen / zu.

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Viele dreisilbige Einheiten, ein später Hexameter-Einschitt und ein Zeilensprung – ein Distichon, das sich „entgrenzt“ seinem Inhalt gemäß.

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Erzählformen: Der Zweiheber (29)

Sprachbewegung findet in der Prosa genauso statt wie im Vers, nur braucht es manchmal besondere Umstände, damit man sich ihrer bewusst wird! In Johann Wolfgang Goethes Singspiel „Lila“ stehen einige ziemlich berühmte Verse; das prosaische Drumherum ist aber wahrscheinlich weniger bekannt:

 

LILA. Was vermag ich?

MAGUS. Wenig! Doch erniedrige nicht deinen Willen unter dein Vermögen.

Feiger Gedanken
Bängliches Schwanken,
Weibisches Zagen,
Ängstliches Klagen
Wendet kein Elend,
Macht dich nicht frei.

Allen Gewalten
Zum Trutz sich erhalten,
Nimmer sich beugen,
Kräftig sich zeigen,
Rufet die Arme
Der Götter herbei! Ab.

LILA allein. Er geht. Ungern seh ich ihn scheiden. Wie seine Gegenwart mir schon Mut, schon Hoffnung einflößt! Warum eilt er? Warum bleibt er nicht, dass ich an seiner Hand meinen Wünschen entgegengehe? Nein, ich will mich einsam nicht mehr abhärmen, ich will mich der Gesellschaft erfreuen, die mich umgibt. – Zaudert nicht länger, liebende Geister! Zeigt euch mir! Erscheinet, freundliche Gestalten!

 

Die Zweiheber-Verse sind im wesentlichen Adoneen, also Fünfsilber der Form X x x / X x. In der Menge prägen sie ihre Bewegung dem Ohr recht nachdrücklich ein, und der Leser kann nicht umhin, sie auch im Prosateil wahrzunehmen:

Zaudert nicht länger, liebende Geister!

Das ist schon eine Bewegung von hohem Wiedererkennungswert – der Adoneus ist eben ein feiner, kleiner Vers, mit dem sich einiges anstellen lässt! Man versuche es selbst …

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Erzählverse: Der Blankvers (106)

Beim Stöbern auf faz.net stieß ich heute auf Popcorn für Penthesilea, eine Überschrift, die erreichte, was eine Überschrift erreichen muss: Sie brachte mich dazu, als Nicht-Superhelden-Freund und Nicht-Kinogänger eine Filmkritik zu lesen, deren Gegenstand ein Superheldenfilm ist. Darin kommt Dietmar Dath noch ein weiteres Mal auf Penthesilea zu sprechen:

Dass man für die winzige Nebenrolle der Penthesilea die Tänzerin und Fitness-Prophetin Brooke Ence verpflichtet hat, hätte Heinrich von Kleist einen schönen Hysterieanfall beschert.

Nun weiß ich nichts über Frau Ence, aber Kleists Drama, eben seine „Penthesilea“, wieder in Errinnerung gerufen zu bekommen, war fein! Da erzählt zum Beispiel am Anfang Diomedes, an Odysseus und Antilochus gewandt, dieses:

 

Denn als sie, um die Abenddämmrung gestern,
Im Kampf, Penthesilea und Achill,
Einander trafen, stürmt Deiphobus her,
Und auf der Jungfrau Seite hingestellt,
Der Teukrische, trifft er dem Peleiden
Mit einem tück’schen Schlag die Rüstung prasselnd,
Dass rings der Ormen Wipfel wiederhallten.
Die Königin, entfärbt, lässt zwei Minuten
Die Arme sinken: und die Locken dann
Entrüstet um entflammte Wangen schüttelnd,
Hebt sie vom Pferdes-Rücken hoch sich auf,
Und senkt, wie aus dem Firmament geholt,
Das Schwert ihm wetterstrahlend in den Hals,
Dass er zu Füßen hin, der Unberufne,
Dem Sohn, dem göttlichen, der Thetis rollt.
Er jetzt, zum Dank, will ihr, der Peleide,
Ein Gleiches tun; doch sie bis auf den Hals
Gebückt, den mähnumflossenen, des Schecken,
Der, in dem Goldzaum beißend, sich herumwirft,
Weicht seinem Mordhieb aus, und schießt die Zügel,
Und sieht sich um, und lächelt, und ist fort.

 

Das klingt sehr nach Kleist mit dem unruhigen und zerrissenen Satzbau samt der häufigen Zeilensprünge, die auch keine rechte EInheit des Verses aufkommen lassen?! Und auch inhaltlich ist’s ja eine sehr anschauliche Szene … (Ormen sind, denke ich, Ulmen.)

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Erzählformen: Das Distichon (91)

Über der tobenden Flut, die schaumaufstäubend im Wirbel
Kreist und im Strudel, erhebt düster und steil sich der Fels.

 

Bewegtes Wasser darzustellen ist für Bewegungsverse wie Hexa- und Pentameter eine dankbare Aufgabe; hier stellt sie ihnen Wilhelm Smets.

Die metrische Form:

Über der / tobenden / Flut, || die / schaumauf- / stäubend im / Wirbel
Kreist und im / Strudel, er- / hebt || düster und / steil sich der / Fels.

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„Und im Strudel“ schmeckt ganz leicht nach Füllsel?! Sonst ein feines Distichon vom Bau her.

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Scheinform

Rettung

Sie kamen aus der Kapelle, der Fürst und sein bräutlich Gemahl:
Sie schritten über die Schwelle hinauf in den festlichen Saal.
Dahinter, im Hochzeitsreigen, in der Gäste buntem Schwarm,
Ging einer in Trauer, mit Schweigen, den traf ihr Blick so warm.
Und als sie die Stufen erstiegen, da flüstert sie: „Rette mich!
Was lang‘ meine Lippen verschwiegen, nun hör’s: Ich liebe nur dich.“

 

Man ahnt ein Drama; und wie der weitere Verlauf zeigt, zurecht … Aber was mir darüber hinaus auffällt: Der Verfasser Felix Dahn hat hier Binnenreime genutzt, um die ersten Vershälften zu kennzeichnen; dadurch werden sie aber zu eigenständigen Versen?!

Sie kamen aus der Kapelle,
Der Fürst und sein bräutlich Gemahl:
Sie schritten über die Schwelle
Hinauf in den festlichen Saal.

Ich denke, das ist das, was das Ohr hört (also eine durch zweisilbig besetzte Senkungen aufgelockerte „Brunnenstrophe“), und die Langverse der Druck-, der Augenfassung sind nur Schein; eine Scheinform eben!

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Erzählformen: Das Distichon (90)

Nachteiliger Ruhm

Hättest du deine Dummheit der Welt nicht in Büchern verkündet,
Nur dein Weib und dein Kind hätten darüber gelacht.

 

Wolfgang Menzel war im 19. Jahrhundert ein berühmter Literaturkritiker und hat auch in epigrammatischer Form kräftig ausgeteilt; genauso, wie er eingesteckt hat, siehe etwa Das Distichon (51)!

Die metrische Form:

Hättest du / deine / Dummheit || der / Welt nicht in / chern ver- / kündet,
Nur dein / Weib und dein / Kind || hätten da- ber ge- / lacht.

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— ◡ / — ◡ ◡ / — || — ◡ ◡ / — ◡ ◡ / —

Zweisilbige Pronomen – „deine“ – geben keine besonders guten zweisilbigen Versfüße ab; es fehlt ihnen an Masse und Gewicht. Manchmal sind sie vom Sinn her besonders hervorgehoben und können dann stärker betont werden, aber das scheint hier nicht wirklich der Fall zu sein?!