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Erzählformen: Das Triolett (12)

Ausführlichere Einträge zum Triolett finden sich selten. Hier als Beispiel ein ganz lesenswerter aus einer Quelle, der man derlei erst einmal nicht zutraut: „Dr. Johann Georg Krünitz‘ ökonomisch-technologische Enzyklopädie, oder allgemeines System der Staats-, Stadt-, Haus- und Landswirtschaft, und der Kunstgeschichte, in alphabetischer Ordnung“. In ebendieser findet sich:

Triolett. Diese Gedichtsgattung, des Versbaues wegen, als eine Spielerei anzusehen, wäre zu hart, da sie sich sehr gut als ein kleines Miniaturgemälde gedankenreicher Gegenstände, besonders aber auf Liebe und Freundschaft und zarte Tändeleien bezogen, fassen lässt, wie das Sonett, Rondeau, Madrigal etc. Die Trioletts stammen aus einer Periode, wo in Frankreich der Rittergeist wieder auftauchte, oder wo man wenigstens bewies, dass man dem zarten Geschlechte einige Rücksicht schuldet, und daher in der Gelanterie oder feinen Lebensart gegen dasselbe nie zu weit gehen zu können glaubte, und deshalb findet man auch in dieser Dichtungsart bei den Franzosen die Anklänge derselben; dass man aber auch andere Lebensbetrachtungen darein kleiden kann, beweiset das Triolett Nr. 1 von Theodor Abel:

Freund, hoffe nicht zu viel hienieden;
Denn ach! das Leben täuscht so oft!
Ersehnest du dir süßen Frieden,
O hoffe nicht zu viel hienieden!
Oft flieht. was wir uns selbst beschieden
Und wird uns, was wir nicht gehofft!
Freund, hoffe nicht zuviel hienieden;
Denn ach! das Leben täuscht so oft!

Wie sehr die Franzosen von den Trioletts eingenommen waren, beweiset Menage, welcher das Triolett: le premier Mai so anziehend findet, dass er es: König der Trioletts nennt; und ein anderer Schriftsteller findet nichts so einfach, edel und zart, als das genannte Triolett; auch seien alle Schlussreime sehr glücklich ineinander verwebt, eben so müsse man auch das Natürliche in der Mitte so großer Schwierigkeiten bewundern. Wenn nun auch dieses Lob etwas übertrieben ist, so kann man doch die Leichtigkeit des Versebaues in dem Geständnisse der glücklich gewählten aufgestellten Miniature der Liebe der französischen Trioletts, als sehr gelungen nennen. Dass sich aber auch der deutsche Versbau zu dieser Gattung von Gedichten sehr gut eignet, beweisen nicht nur die deutschen Nachbildungen der französischen Trioletts, sondern auch die deutschen Originale, man wird darin ebensowenig die Leichtigkeit in dem Versbaue vermissen, als die glückliche Wahl in den Gegenständen. Dieses ist auch die Veranlassung, das eben angeführte Triolett als Muster hier aufgestellt zu finden, da sie bei den Deutschen in der neueren Epoche der Dichtkunst zerstreuet in Musenalmanachen und Taschenbüchern stehen, und nur bei wenigen Dichtern in der Sammlung und Herausgabe ihrer Gedichte gefunden werden.  Auch scheinen alle die oben angeführten Dichtungsarten, außer dem Sonette, bei den neueren Dichtern wenig Anklang zu finden, und dieses vielleicht bei dem Triolette, weil es Übung erfordert, einen phantasiereichen Gegenstand in fünf Zeilen so auszumalen, dass die drei sich wiederholenden Zeilen, welche den Vers aus acht Zeilen bilden, so geschickt mit den übrigen verwebt werden. dass sich keine Härte des Ausdrucks bemerkbar macht, sondern die Wiederholungen mit dem Hauptgedanken, gleichsam spielend, zu einem Gedanken verbunden werden.

Sicher, umständlich geschrieben, damals, 1846; aber man erfährt doch etwas, und wie gesagt: Die meisten anderen Einträge sind deutlich kürzer und noch wissensärmer …

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Erzählformen: Das Triolett (11)

Eine andere, nach Meinung einiger Metriken notwendige Eigenschaft eines Trioletts ist die Abgeschlossenheit der ersten beiden Verse, in denen der Gegenstand des Trioletts vorgestellt wird. Auch da ist etwas dran; von den 100 Trioletten der Probe sind 93 dieser Betrachtung zugänglich, und bei immerhin 70 von ihnen sind die ersten beiden Vers eine Einheit – eine Feststellung, eine Frage, ein Ausruf, eine Anrufung …

 

Und musstest du verschwinden,
So schnell als ich dich fand?
Wie von Novemberwinden
Die letzten Blümchen schwinden –
Noch wähn‘ ich zu empfinden
Den linden Druck der Hand!
Und musstest du entschwinden,
So schnell als ich dich fand?

 

– August von Platen, vier Gruppen von zwei Versen, 2-2-2-2. Als Vergleich „An den Sirius“ von Johann Vincenz Heuwing, das sich ganz anders aufbaut, 3-2-3:

 

Seh‘ ich dich so freundlich blinken,
Kleiner holder Sirius,
Schmeckt mir süßer Linas Kuss!
Seh‘ ich dich so freundlich blinken,
Scheinst du Beifall mir zu winken;
Es ist wahrlich Hochgenuss,
Seh‘ ich dich so freundlich blinken,
Kleiner holder Sirius!

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Erzählformen: Das Triolett (10)

Die Wiederholung der Verse in der Mitte bzw. am Ende ist manchmal nicht ganz wörtlich, da haben die Dichter eine gewisse Freiheit; aber meist versuchen sie doch die genau wörtliche Wiederholung, denn darin liegt ja einer der Reize der Form: dem wiederholten Vers einen neuen, frischen, überraschenden Sinn zu geben. Von den 91 der hundert Triolette, die dabei in Betracht kommen, machen das immerhin 75 so, darunter auch „Willenskraft“ von Karl Heinrich Bruger:

 

Zwischen Wollen und Erfüllen
Bleibt das Leben immer jung.
Wage nur den kecken Sprung
Zwischen Wollen und Erfüllen!
Alles Glück liegt nur im Willen,
Wolle! Und du hast genung!
Zwischen Wollen und Erfüllen
Bleibt das Leben immer jung!

 

– Wobei die Schwierigkeit eher das sinnvolle Umsetzen des vierten Verses ist, der sich zwar wiederholen soll, aber eben auch eingebunden sein muss. (Und „genung“ ging früher noch!)

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Triolett nach Bohnensuppe

Vögel sitzen still auf Ästen,
Wo ein Heer von Abwehrfürzen
Sie in ihren Därmen mästen.
Vögel sitzen still auf Ästen,
Wo sie jäh die Luft verpesten,
Als sich Katzen auf sie stürzen.
Vögel sitzen still auf Ästen;
Rings ein Heer von Abwehrfürzen.

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Erzählformen: Das Triolett (9)

Wie alle anderen Formen auch ist das Triolett in den vielen Metriken und Poetiken je nach Geschmack und Absicht des jeweilgen Verfassers anders dargestellt. Es gibt zwar einen unverhandelbaren Kern, aber das „Drumherum“ unterscheidet sich doch beachtlich. Manche Metriken stellen zum Beispiel fest, dass die beiden Reime des Trioletts sich aus einem „männlichen“ (letzte Silbe betont) und einem „weiblichen“ (letzte Silbe unbetont) Reim zusammensetzen sollen! Die meisten Verfasser erwähnen das nicht, das Nachzählen in den 100 Trioletten der Probe zeigt aber: Da ist was dran – 90 Triolette wechseln das Reimgeschlecht, neun schließen ausschließlich weiblich, und nur eines schließt ausschließlich männlich. Erstaunlich …

 

Der Zeitenstrom

Es rauscht dahin der Strom der Zeit
Und keine Macht hält ihn zurück,
Und was euch jüngst entzückt, erfreut,
Es rauscht dahin im Strom der Zeit!
Genießt darum, was das Geschick
Euch nur an Wonnestunden beut;
Denn keine Macht hält es zurück,
Es rauscht dahin im Strom der Zeit!

 

Jules Chevalier Potier ruft hier inhaltlich keine neuen Erkenntnisse beim Leser auf; die Versschlüsse aber sind durchgängig männlich! Und keine Frage; dadurch wird die Bewegung einheitlicher, härter auch; Reime sind weniger stark unterschieden, was heißt, es geht Abwechslung verloren. Das muss nichts schlechtes sein (ich finde, dieses Triolett ist gut gemacht), aber in den meisten Fällen wird es mehr kosten als einbringen …

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Was bleibt

Folgendes Schachproblem, ersonnen von Wolfgang Pauly, habe ich vor zwei Wochen das erste Mal gesehen und heute immer noch im Kopf; das ist ein gutes Zeichen …

Es handelt sich um ein Hilfsmatt in drei Zügen, was meint: Beide Seiten arbeiten zusammen, um das Matt des schwarzen Königs zu erreichen; die Zugfolge ist Schwarz zieht, Weiß zieht, Schwarz zieht, Weiß zieht, Schwarz zieht, Weiß setzt matt – jeder Seite macht drei Züge, Schwarz beginnt!

„Schwarz beginnt“ ist allerdings unschön, denn begönne Weiß, könnte er sofort mit Sc3 mattsetzen! Leider hat Schwarz auch keinen Abwartezug und muss die Stellung verändern. Aber dieses Matt bemerkt zu haben, lohnt trotzdem, wie die Lösung zeigt: 1. … Kb1-a2 2.Kd2-c3 Ka2-b1 3.Kc3-b4 Kb1-a2 – jetzt ist eine Stellung erreicht, die genau der Ausgangsstellung entspricht, nur am anderen Rand. Und diesmal ist Weiß wirklich am Zug! 4.Sd1-c3 matt!

Nicht schwer, aber einprägsam; und das ist eine gute Eigenschaft. Wer darüber hinaus noch etwas grübeln möchte, kann alle Steine eine Reihe nach rechts verschieben und dann noch einmal versuchen, ein Hilfsmatt in drei Zügen zu finden; Pauly hat dieses Problem als „Zwilling“ veröffentlicht!