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Erzählverse: Der Blankvers (106)

Beim Stöbern auf faz.net stieß ich heute auf Popcorn für Penthesilea, eine Überschrift, die erreichte, was eine Überschrift erreichen muss: Sie brachte mich dazu, als Nicht-Superhelden-Freund und Nicht-Kinogänger eine Filmkritik zu lesen, deren Gegenstand ein Superheldenfilm ist. Darin kommt Dietmar Dath noch ein weiteres Mal auf Penthesilea zu sprechen:

Dass man für die winzige Nebenrolle der Penthesilea die Tänzerin und Fitness-Prophetin Brooke Ence verpflichtet hat, hätte Heinrich von Kleist einen schönen Hysterieanfall beschert.

Nun weiß ich nichts über Frau Ence, aber Kleists Drama, eben seine „Penthesilea“, wieder in Errinnerung gerufen zu bekommen, war fein! Da erzählt zum Beispiel am Anfang Diomedes, an Odysseus und Antilochus gewandt, dieses:

 

Denn als sie, um die Abenddämmrung gestern,
Im Kampf, Penthesilea und Achill,
Einander trafen, stürmt Deiphobus her,
Und auf der Jungfrau Seite hingestellt,
Der Teukrische, trifft er dem Peleiden
Mit einem tück’schen Schlag die Rüstung prasselnd,
Dass rings der Ormen Wipfel wiederhallten.
Die Königin, entfärbt, lässt zwei Minuten
Die Arme sinken: und die Locken dann
Entrüstet um entflammte Wangen schüttelnd,
Hebt sie vom Pferdes-Rücken hoch sich auf,
Und senkt, wie aus dem Firmament geholt,
Das Schwert ihm wetterstrahlend in den Hals,
Dass er zu Füßen hin, der Unberufne,
Dem Sohn, dem göttlichen, der Thetis rollt.
Er jetzt, zum Dank, will ihr, der Peleide,
Ein Gleiches tun; doch sie bis auf den Hals
Gebückt, den mähnumflossenen, des Schecken,
Der, in dem Goldzaum beißend, sich herumwirft,
Weicht seinem Mordhieb aus, und schießt die Zügel,
Und sieht sich um, und lächelt, und ist fort.

 

Das klingt sehr nach Kleist mit dem unruhigen und zerrissenen Satzbau samt der häufigen Zeilensprünge, die auch keine rechte EInheit des Verses aufkommen lassen?! Und auch inhaltlich ist’s ja eine sehr anschauliche Szene … (Ormen sind, denke ich, Ulmen.)

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Erzählformen: Das Distichon (91)

Über der tobenden Flut, die schaumaufstäubend im Wirbel
Kreist und im Strudel, erhebt düster und steil sich der Fels.

 

Bewegtes Wasser darzustellen ist für Bewegungsverse wie Hexa- und Pentameter eine dankbare Aufgabe; hier stellt sie ihnen Wilhelm Smets.

Die metrische Form:

Über der / tobenden / Flut, || die / schaumauf- / stäubend im / Wirbel
Kreist und im / Strudel, er- / hebt || düster und / steil sich der / Fels.

— ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — || ◡ / — — / — ◡ ◡ / — ◡
— ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — || — ◡ ◡ / — ◡ ◡ / —

„Und im Strudel“ schmeckt ganz leicht nach Füllsel?! Sonst ein feines Distichon vom Bau her.

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Scheinform

Rettung

Sie kamen aus der Kapelle, der Fürst und sein bräutlich Gemahl:
Sie schritten über die Schwelle hinauf in den festlichen Saal.
Dahinter, im Hochzeitsreigen, in der Gäste buntem Schwarm,
Ging einer in Trauer, mit Schweigen, den traf ihr Blick so warm.
Und als sie die Stufen erstiegen, da flüstert sie: „Rette mich!
Was lang‘ meine Lippen verschwiegen, nun hör’s: Ich liebe nur dich.“

 

Man ahnt ein Drama; und wie der weitere Verlauf zeigt, zurecht … Aber was mir darüber hinaus auffällt: Der Verfasser Felix Dahn hat hier Binnenreime genutzt, um die ersten Vershälften zu kennzeichnen; dadurch werden sie aber zu eigenständigen Versen?!

Sie kamen aus der Kapelle,
Der Fürst und sein bräutlich Gemahl:
Sie schritten über die Schwelle
Hinauf in den festlichen Saal.

Ich denke, das ist das, was das Ohr hört (also eine durch zweisilbig besetzte Senkungen aufgelockerte „Brunnenstrophe“), und die Langverse der Druck-, der Augenfassung sind nur Schein; eine Scheinform eben!

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Erzählformen: Das Distichon (90)

Nachteiliger Ruhm

Hättest du deine Dummheit der Welt nicht in Büchern verkündet,
Nur dein Weib und dein Kind hätten darüber gelacht.

 

Wolfgang Menzel war im 19. Jahrhundert ein berühmter Literaturkritiker und hat auch in epigrammatischer Form kräftig ausgeteilt; genauso, wie er eingesteckt hat, siehe etwa Das Distichon (51)!

Die metrische Form:

Hättest du / deine / Dummheit || der / Welt nicht in / chern ver- / kündet,
Nur dein / Weib und dein / Kind || hätten da- ber ge- / lacht.

— ◡ ◡ / — ◡ / — ◡ || ◡ / — ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — ◡
— ◡ / — ◡ ◡ / — || — ◡ ◡ / — ◡ ◡ / —

Zweisilbige Pronomen – „deine“ – geben keine besonders guten zweisilbigen Versfüße ab; es fehlt ihnen an Masse und Gewicht. Manchmal sind sie vom Sinn her besonders hervorgehoben und können dann stärker betont werden, aber das scheint hier nicht wirklich der Fall zu sein?!

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Erzählverse: Der Hexameter (161)

Heute bin ich durch einen freundlichen Kommentar zu Der Hexameter (52) auf Carel Vosmaer aufmerksam geworden, einen niederländischen Homer-Übersetzer, der aber auch eigene Texte in Hexametern geschrieben hat; „Londinias“ zu Beispiel. Nun kann ich zwar so gar kein Niederländlisch, aber das macht  zumindest bei den ersten beiden Versen nichts -wie so viele ernste wie weniger ernste Hexameter-Dichtungen beginnt auch die Vosmaers mit einer Musenanrufung:

 

Muze, bezing me den tocht van ’t viertal mannen uit Neerland
Over de schuimende zee, naar de rossenbedwingende Britten.

 

Und da hört man dann auch: die Hexameterbewegung, die einfach immer da ist, ganz gleich, welche Sprache den Vers gerade ausbildet. Schon erstaunlich …

Muse, besinge die Fahrt mir der vier Gefährten aus Neerland
Über das schäumende Meer zu den rossebeherrschenden Briten.

Das taugt als Übersetzung wahrscheinlich so gar nicht (wie gesagt …); ist aber auch nicht wichtig, wichtig ist nur die Versbewegung und ihre Wiedererkennbarkeit!

Na, ich werde noch ein wenig herumstöbern in der „Londinias“. Lohnt sich bestimmt …

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Bücher zum Vers (107)

Heinz Mitlacher: Moderne Sonettgestaltung.

„Modern“ ist ein zeitabhängiger Begriff – dieses Bändchen ist 1932 bei Noske erschienen und sein Inhalt daher heute sicher nicht mehr „modern“; aber eiige sinnvolle Dinge finden sich selbstredend trotzdem in ihm.

Zu den Reimen des Sonetts sagt Mitlacher etwa (Seite 47):

Vollends unwichtig ist die Reimstellung der Terzinen, die ja von jeher größeren Spielraum gewährten als die Quartette und etwas „vogelfrei“ waren; einen typisch-einmaligen Charakter gewinnen sie nur, wenn sie mit einem Reimpaar enden: dann haben sie oft jenes Epigrammatische des Schlusses, das den Shakespeare-Sonetten anhaftet und das sie vorzüglich zur Prägung von Spruchweisheit geeignet macht:

Es ist am Besten, wo die Wesen trubeln,
Sich durchzuleiden und sich durchzujubeln.

Solche epigrammatische Wirkung ist aber jenen gepaarten Reimen, die im Innern der umschließend gereimten Quartette zusammentreten, versagt: weil sie nicht selbstständig, sondern in die Struktur des ganzen Quartetts einbezogen sind.

Das leuchtet ein, allerdings: „wo die Wesen trubeln“?! Klingt nach einem eher ungewöhnlichen Text … Ich hänge das entsprechende Sonett, „Ewige Bestimmung“ von Franz Werfel, noch an; da lässt sich sicherlich einiges sagen zur Reimgestaltung.

 

Da plötzlich steh ich wie vor offnen Toren
Und seh mich gehen, hör mich Sätze sagen,
Ich weiß mich wagen und in allen Lagen
Des Lebens zag sein oder unverfroren.

Warum hört nie das Heimweh auf, zu nagen?
Ich frage mich, in seinem Traum verloren:
Wieviele Mütter haben mich geboren,
Wie oft noch wird man mich zu Grabe tragen?

Dann weiß ich Nachts, warum die Sterne klagen,
Die um ein Zentrum ihre Bahnen schlagen
Wie Sträflinge den Hof im Trab umjagen.

Doch bald begreift mein weltliches Behagen:
Es ist am Besten, wo die Wesen trubeln,
Sich durchzuleiden und sich durchzujubeln.