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Nachbarlich

Klopfe von Zeit zu Zeit an die Tore der Nacht, ob sie auftut!
Sie tut nicht auf; doch an dein Tor
Kommt sie zum Schluss, und sie klopft.

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Erzählverse: Der Hexameter (187)

Das Beiwort im Hexameter (V)

August Wilhelm Schlegel merkte zum „schwerhinwandelnden Hornvieh“ samt vergleichbaren Bildungen an:

Freilich ist die Zusammensetzung nicht echt, und zerfällt von selbst wieder in ihre Bestandteile. Die erste Silbe bleibt, trotz der Weglassung des Zwischenraumes beim Schreiben, ein eignes bestimmendes Nebenwort, da es durch nichts von dem, was die wahre Wortvereinigung erfordert, mit dem darauf folgenden Partizipium in Eins verknüpft wird. Vo trennt selbst einmal Il.XXI,524: „in trüb aufstürmender Brandung“. Was ihm diese Zusammenstellung empfohlen hat, ist ohne Zweifel ihre prosodische Beschaffenheit.

Da ist was dran – wenn Voß im Stolberg-Text aus (186) diese (schönen!) Verse hat:

Und nun trat aus dem Licht ein Unsterblicher: seine Gestalt war
Morgenglanz, sein Gewand ein feurigwallender Nordschein.

Dann könnte da statt „feurigwallender“ genausogut „feurig wallender“ stehen?! Aber hm … Bei

Und zur Priesterin weiht‘ ich die keusche, heilige Jungfrau
Im Orakel der hohen Natur: dass sie täglich, mit Nektar
Sprengend die sternenhellen und töneduftenden Kränze,
Aus dem Getön weißsagte; und Völker von Morgen und Abend
Beteten an die Natur, des Unendlichen sichtbare Gottheit.

könnte statt „töneduftenden“ auch „Töne duftenden“ stehen; allerdings, je nach Zusammenhang, könnte es auch „von Tönen duftenden“ meinen, und dann wäre es mit reinem Auseinanderschreiben ja nicht getan!

Suche den einsamen Nachtigallhain, den rosenumblühten,
Murmelnden Bach, und den See, mit Abendröte bepurpert,
Und im reifenden Korne den haselbeschattenen Rasen;

Hier ist es eindeutig, denke ich: „von Rosen umblühten“, „von Hasel beschattenen“. Und dann ist das eine Wahl, die den Schreibenden hilft: in der Zusammenschreibung fällt eine leichte Silbe weg, in der Auseinanderschreibung steht eine leichte Silbe zur Verfügung! Und das gibt Möglichkeiten beim Versbau.

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Erzählverse: Der Hexameter (186)

Das Beiwort im Hexameter (IV)

Was uns ein ungewöhnliches Beiwort ist, war nicht immer eins. „Fernherwandelnd“, wie bei Hölderlin, findet sich zum Beispiel auch bei Siebenpfeiffer. Bei dem geht eigentlich eher das Lämpchen „Hambacher Fest“ an; aber Hexameter hat er auch geschrieben, so diese beiden aus „Rudolph und Helmina“:

Frühe, begleitet vom Strahl der fernherwandelnden Sonne,
Stiegen die beiden hinan den sanft sich hebenden Fahrweg.

Andere „Fernher-Bildungen“ sind „fernherrauschend“, „fernherklingend“, „fernhertönend“, „fernherflüsternd“, „fernherkommend“ – oder „fernherschreitend“, was ich eben in „Der verlorene Sohn“, einer „epischen Schilderung“ nach biblischem Vorbild von einem Pfarrer namens Trautschold, gelesen habe:

Liebe zum Leben, du tief im Herzen verschlossener Funken,
Wunderbarer und mächtiger Trieb: Wie flammest du hoch auf,
Wenn das Verderben, das grässliche, fernherschreitend uns nachsetzt!

Neben Hölderin ist mir aber in dieser Hinsicht vor allem Voss im Ohr (Aus „An Friedrich Leopold, Grafen zu Stolberg“):

Allda ruht‘ ich vom sinnenden Gang‘, am beschatteten Bergquell,
Horchend der lockenden Wachtel im grünlichen Rauche der Ähren,
Und dem Wogengeräusch, und dem fernhersäuselnden Südwind.

Und da gibt es noch Dutzende Bildungen, von denen ich nichts weiß … Wie sieht es denn mit „fernhinwandeln“ aus? Wo ein „her“ ist, ist auch ein „hin“:

Nicht ist es unser Geschenk, was der fernhinwandelnden Erde
Wir zu göttlichem Trost bringen aus himmlischem Land!

Das ist nun allerdings ein Distichon, aus Mosengeils „Dichterweihe“. Womit wir aber einen Schritt näher sind an der Quelle solcher Beiwörter: Homer, beziehungsweise seiner Übersetzung durch Voss. Aus der Ilias:

Doch du weidetest, Phöbos, das schwerhinwandelnde Hornvieh
Durch die waldigen Krümmen des vielgewundenen Ida.

Und dieses „schwerhinwandelnde Hornvieh“ hat dann durchaus Karriere gemacht …

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Erzählverse: Der Hexameter (185)

Das Beiwort im Hexameter (III)

Das Beiwort von vorneherein „besonders“ zu bilden und klingen zu lassen, ist eine Möglichkeit, es im Hexameter wirkungsstark zu verwenden; eine zweite ist, es beweglich zu machen, meint, es von seiner in der Prosa fast ausschließlich verwendeten Stellung vor dem Hauptwort zu lösen und hinter das Hauptwort zu bringen! Hölderlin, „Der Archipelagus“:

Bis, erwacht vom ängstigen Traum, die Seele den Menschen
Aufgeht, jugendlich froh, und der Liebe segnender Odem
Wieder, wie vormals oft, bei Hellas blühenden Kindern,
Wehet in neuer Zeit und über freierer Stirne
Uns der Geist der Natur, der fernherwandelnde, wieder
Stilleweilend der Gott in goldnen Wolken erscheinet.

Einmal ein besonderes Beiwort, das dieses Auszeichnung auch verdient, und dann die Nachstellung! Dass Hölderlin hier auch im Satzbau recht anspruchsvoll ist, hat mit der Nachstellung aber nichts zu tun; die kommt auch in viel einfacher gebauten Versabschnitten vor!

Denn es ruhn die Himmlischen gern am fühlenden Herzen;
Immer, wie sonst, geleiten sie noch, die begeisternden Kräfte,
Gerne den strebenden Mann und über Bergen der Heimat
Ruht und waltet und lebt allgegenwärtig der Äther,
Dass ein liebendes Volk in des Vaters Armen gesammelt,
Menschlich freudig, wie sonst, und e i n Geist allen gemein sei.

Man kann, das nur zur Ergänzung, aber auch vorne Bei- und Hauptwort durch ein Fürwort vertreten lassen und sie dann hinten zusammen nachreichen; auch das wird ganz gerne gemacht, hier von Hölderlin wieder in einem … sprachlos machenden Satzgebäude.

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Erzählverse: Der Hexameter (184)

Das Beiwort im Hexameter (II)

Es ist schon eine eigenartige Sache mit der Wortbildung. „Oma pellt Kartoffeln“, „Peter spielt Trompete“, „Napoleon besiegt die Preußen“ – da liegt ein Satzmuster zugrunde, das jeder kennt und bei dem keiner irgendwelche Bedenken hat, es für eigene, nie zuvor verwendete Sätze nutzbar zu machen – „Der Frosch stapelt Farbpatronen“ (bestimmt hat genau den, nur um mich zu ärgern, dann doch schon wer benutzt!). Nun ist „Wortbildung“ sicher nicht das gleiche wie „Satzbildung“, aber: Im wesentlichen geht es genauso! Es gibt ein Muster, zum Beispiel: „handverlesen“, „mundgeblasen“, „naturbelassen“, „angstgetrieben“, „schweißgebadet“ – und nach diesem Muster kann sich jeder seine eigenen Worte bauen. Das Gute am Hexameter ist, dass er durch  seine rhythmischen Anforderungen an den Schreibenden diesen, solche Möglichkeiten auch in Anspruch zu nehmen; über die allgemein bekannten, in der Prosa immer wieder zu lesenden Beiwörter hinaus eigene zu suchen und zu finden. Ich schaue noch einmal bei Baggesen rein (II,171):

Wandte sich schnell zu den Holden der herzerbitterte Nordfrank,

„Nordfrank“ ist hier Eigenname; und das „herzerbittert“ ist das Beiwort, das nach dem gut bekannten, eben vorgestellten Muster gebaut ist. Es wirkt erst einmal ungewohnt, ist aber gut verständlich und erreicht den Leser gerade durch seine Frische!