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Erzählverse: Der Hexameter (164)

Ludwig Gotthard Kosegartens „Hymne an die Tugend“ lässt einen heutigen Leser fassungslos zurück. Nicht, weil sie wirklich schlecht wäre (obwohl sie, andererseits, auch nicht besonders gut ist); mehr, weil die sinnfreie Begeisterung, zu der sich ihre Hexameter aufschwingen im Lobpreis völlig abstrakter Konzepte, heute so gar nicht mehr als Mittel dichterischer Darstellung verstanden wird. Ein ganz knapper Ausschnitt:

 

Der du ernsten Blicks, gehorsamheischenden Anstands,
Hader schlichtend, und Frieden gebietend, und Brüder versöhnend,
Jene Scharen durchwallst: wer bist du, Himmelgeborner?
Rede, wer bist du! Wer trittst du einher so ruhigen Schrittes?
Sei mir gegrüßt in deinem Vermögen! Dich grüßen die Völker,
Grader gerechter Sinn! Des Rechtes ewiger Ecksein!
Goldner Pfeiler der himmlischen Ordnung! Schrecken des Drängers!
Aber der Leidenden Hort, ein Schild der flüchtenden Unschuld.

 

– Aber wer weiß: Vielleicht sollte das einmal wieder jemand versuchen; ganz ohne Wirkung bleibt es doch nicht, und das meint die Wirkung über die Erheiterung hinaus, denn unfreiwillig komisch wirkt dieser Text wohl unvermeidlich!

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Dämmerrede

Taghell weißt du dein Wort, und allen verständlich, und alle
Sind sich, sie hören’s, gewiss: Pythia spricht in die Nacht.

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Strophen haben ihre Schicksale

Sicherlich kann eine einigermaßen regelmäßig gebaute Strophe jeden beliebigen Inhalt aufnehmen. Oft war es aber so, dass ein Dichter in einer Strophe ein berühmtes Gedicht geschrieben hat, und dass die so bekannt gewordene Strophe danach vor allem für Gedichte ähnlichen Inhalts genutzt wurde!

Ein Beispiel ist die Strophe von Gottfried August Bürgers bahnbrechender Ballade „Leonre“:

 

Der König und die Kaiserin,
Des langen Haders müde,
erweichten ihren harten Sinn,
Und machten endlich Friede;
Und jedes Heer, mit Sing und Sang,
Mit Paukenschlag und Kling und Klang,
Geschmückt mit grünen Reisern,
Zog heim zu seinen Häusern.

 

Ein Achtzeiler, zusammengesetzt aus zwei Vierzeilern – einer sehr bekannten Kreuzreimstrophe aus Vier- und Dreihebern, gefolgt von einer selteneren Strophe aus zwei Reimpaaren, die aber wieder aus Vier- und Dreihebern bestehen!

Bürgers Ballade war ein großer Erfolg, und die „Lenorenstrophe“ wurde fürderhin vor allem für Balladen oder, allgemeiner, Erzählgedichte gebraucht.

Zu den Ausnahmen zählt „Die Kunst zu reimen“ von Karl Geisheim, eine sehr launige Abrechnung mit der Durchschnittsreimerei der Zeit:

 

Oft widerspenstig ist der Reim,
Gleich einer Doris Laune;
Doch der Poet kocht Götterleim
Und bricht den Reim vom Zaune.
Das Missgeschick führt er auf Glück,
Das Herz voll Schmerz auf Scherz zurück,
Und selbst dem Hoffnungslosen
Macht Hosen er aus Rosen.

 

Nicht, dass Geisheim den inneren Notwendigkeiten der Strophe weniger Aufmerksamkeit schenkte als Bürger; er füllt sie nur mit einem anderen Inhalt, und obwohl sie so einerseits erkennbar bleibt und dem Ohr vertraut klingt, ist doch der verwirklichte Inhalt etwas ganz anderes und sorgt für einen deutlich verschiedenen Höreindruck?!

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Erzählverse: Der trochäische Vierheber (69)

Epigramme haben, wie jede Dichtungsgattung, ihre bevorzugten Formen – im Barock zum Beispiel das Alexandrinercouplet und anderes gereimtes, später dann das Distichon, das allerdings die einzige reimlose Form blieb. Na ja, fast: Ausnahmen gibt es immer, und zu denen gehört zum Beispiel auch Christian Adolph Overbecks knapper Dreizeiler „Lebensgenuss“:

 

Morgen willst du leben? Armer!
Heute leben, heißt verspätet;
Wer gescheit ist, lebt schon gestern.

 

– Eine Ausdrucksweise dieser Erkenntnis, die heute ganz totgequatscht ist („Wann muss das fertig sein?“ „Vorgestern!“), aber auch vor 200 Jahren nicht mehr ganz frisch gewesen sein dürfte … Worauf es hier aber eher ankommt, ist die kennzeicnende Bewegung des ungereimten trochäischen Vierhebers, die sich, wie im Vortrag überprüfbar, hier auch in dem nahezu kleinstmöglichen Raum von nur drei Versen sicher und unüberhörbar verwirklicht!

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Erzählformen: Das Reimpaar (38)

Das Reimpaar aus iambischen Vierhebern klingt schlicht, aber auch nachdrücklich und ist daher für ein Bekenntnis sehr geeignet. Ein Beispiel dafür gibt Anton Wildgans in „Ich liebe“:

 

Die Landschaft, so das Auge stillt
Und wahrer Seele Ruhe quillt;

Die Menschen, die, in sich gefasst,
Wie Inseln sind in Lebenshast;

Den Geist aus Stirnen, braungeglüht,
Der klar, wie Quell vom Felsen, sprüht;

Mich selbst, wenn ich, gefasst im Sinn,
Gestillt und klar, ich selber bin.

 

Die ersten drei Verspaare wirken ein wenig ungelenk, aber das gehört zum Reimpaar dazu – Wildgans hatte hier sicher keine Darstellungsschwierigkeiten. Die vierte Strophe nimmt die ersten drei wieder auf und fasst sie zusammen, durchaus überzeugend; so dass man dem „Ich“ die Selbstliebe auch nicht übel nimmt …

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Erzählverse: Der iambische Vierheber (12)

Regina Ullmanns „Erwachen“, zu finden in ihrem 1919 im Insel-Verlag erschienenen Band „Gedichte“, ist inhaltlich nicht mehr auf der Höhe der Zeit, vermutlich; aber vom Aufbau her zeigt es einige bedenkenswerte Möglichkeiten des Vierhebers:

 

Ich lag in dir noch unverzweigt,
Du tiefer Felsen einer Nacht;
So kalt wie Stein und trostesarm.
Da fühlt ich plötzlich, wie der Tag
Sich an dem Sein im Licht verfing
Und liebewarm und flammenhaft
Sich an die kleinsten Dinge hing.
Da war ich wach.
Doch war mir noch ein Silberklang,
Der sich an einem Zimbal schlug,
Erhörbar,
Und meines Engels Morgengang.

 

– Anfangs ein unscheinbarer Text aus ganz regelmäßigen iambischen, ungereimten Vierhebern; mit dem Erwachen macht sich aber ein Reim bemerkbar, dem im weiteren noch ein witerer folgt, und die beiden eingestreuten Kurzverse – ein Zweiheber, ein Einheber – lassen den Schluss eher wie ein Madrigal erscheinen?! Nicht ganz, dafür sind noch zu viele Verse ungereimt; aber eine eigenartige Verschiebung der formalen Grundlage ist es doch!