Notizen (63)

Ein eisiger Schauer kriecht meinen Handrücken herauf, ich zucke und lasse die Haut meiner Fingerkuppen auf dem gefrorenen Grabstein des Vaters zurück; stecke Zeige- und Mittelfinger in den Mund und schmecke mein eigen Fleisch und Blut. Mit ihren Stiefelspitzen bricht eine gebeugte, zittrige, ihrem Nelkenstrauß über dem Kiesweg drei kurze Stöße versetzende Alte Eisschollen auf, mahlt bleiche, steingewordene Knochenreste unter ihren Sohlen. Der steinerne Blick des Friedhofkruzifixus fixiert mich, der Kiesboden beäugt mich und rollt die Augäpfel, die von unterirdischen Verwesungsgasen aufgeschreckt zu vibrieren beginnen, sich lösen und übereinanderkullern; ein Raunen, das durch die Erde geht, durch den Grabstein mit der frischen, noch blutigen Fingerkuppenhaut: Dreht sich unter mir der Vater um, weil ich bei seinem Grab schwöre, der Sargnagel seiner Familie zu werden?
Mit dem Blütenwasserwedel der Alten könnte ich der heiligen Vogelscheuche drei kurze Stöße versetzen und mit der Zunge – da hilft kein Schütteln und kein Klopfen, am Schwanz hängt immer noch… – die Tropfen von der frischen, noch blutigen Vorhautkuppe auffangen.

Ich krümme mich in eine fötale Haltung, während ich dies schreibe, noch lieber aber würde ich meinen Körper ins Hohlkreuz stemmen, so dass mein Kopf am Ende dieser Brücke in meine Kindheit zurück auf dem kühlen und weichen Stein der Pfarrhausmauer zum Liegen kommt, den Blick zur Innenseite der Stirn gerichtet.

Notizen (54)

Samstagabends sieht der Totengräber von Tramin fern, denn man zeigt die Samstagabendshows, die er so liebt. Im Unterhemd sitzt er auf der Couch und isst Würste mit im Kochwasser aufgeplatzten Bauchöffnungen von einem Teller, der mit weißen Hühnern und schwarzen Hähnen bemalt ist. Er wischt die Finger am Unterhemd ab und klopft die Asche der Vesperzigarette in die gähnende Mundöffnung der Bierdose, er sieht fern und denkt nicht mehr an das bevorstehende Wetter und die ausstehenden Arbeiten oder das Ausmaß eines Kindersargs.

Samstagnachts sieht der Totengräber von Tramin fern, denn man zeigt die Samstagnachtfilme, die man ihm unter der Woche vorenthält. Er zieht sich das Unterhemd unters Kinn und zwingt der Couch seinen Rhythmus und seinen Willen auf wie einem zuschanden gerittenen Pferd, das er mit schweren Handstreichen der Bildröhre entgegentreibt, in den nachtschwarzen Wald seiner Kindheitsängste hinein, wo der Vater sich auf die Mutter senkt und das barfüßige Kind im Flur steht und ahnt, wie der Vater die Mutter unter sich begräbt, und hört, wie eine Hand am Eisengitter des ehelichen Totenbetts rüttelt, und fürchtet, dass die Mutter nicht mehr wachzukriegen ist bis Sonntagmorgen und samstagabends träumt dem Totengräber von Tramin von den Bäumen fremder Frauen – sich verästelnde Berührungen –, bis seine leeren Augäpfel ohne Netzhaut und doppelten Boden an die Zimmerdecke fallen, wo unsichtbare Hände den Kruzifixus an einem Rosenkranz aus glatzköpfigen Eicheln aufknüpfen.

Sein Blut pulsiert unter der Pelle des gewienerten Würstchens, die Schlange seines kleinen Todes kriecht durchs Schamhaardickicht und sagt, es habe alles seine Ordnung, der Sonntag werde wieder dem Herrgott gehören.

Notizen (36)

Seit sich das Kind in mir aus seiner selbstgewählten Unmündigkeit befreit hat, kommt mir auch die Fotografie wieder in den Sinn, die den Gleichaltrigen zeigt und ihn in eine Reihe mit dem Fleischhauer Kummerer und dem Totengräber von Tramin stellt, ihn zu einer weiteren Figur jener Schreckmomente macht, in denen ich jäh zu Bewusstsein komme – ein Auftauchen aus dem dunklen Wasser der Fischteiche, ein Schnappen nach beißend kalter Luft – und um mich blicke, als sähe ich zum ersten Mal nach langem Schlaf durch ein längst vergessenes, ein kindliches Augenpaar; ich sehe den Gleichaltrigen vor mir, wie er sich mit einem Strick die Hosen gürtet, was so viel heißt wie: Wir sind fernab der Zivilisation, fernab eines Elternhauses, dessen Regeln keine Gültigkeit mehr besitzen.
Mit schmatzenden Lauten sinken seine Füße in den Dreck, Gefieder von Fichtennadeln klebt an seinen Knöcheln, den dreckstarrenden, spindeldürren Beinen.

Der sich einen Strick um den Hosenbund wickelte und unterhalb der unbehaarten Bauchwölbung verknotete, der Kaugummi kaute und mit der Hand in der Hose spielte, der »Mädels« sagte und nicht wissen konnte, was Naziwörter sind, der fischte auch die sogenannte – von ihm so getaufte – Brunznelke aus dem Bach, einen alten Blumentopf, aus dessen löchrigem Plastikboden Wasser auf die Zeltlagerwiese schlug; »Brunznelke, Brunznelke« schreiend warf er die Trophäe ins Mädchenzelt hinein. – Noch am selben Abend rieb er sein steifes Glied, dünn und weiß, schmal wie ein Finger, an der Zeltstange, in die gespannte, beinah religiöse Stille hinein drückte ein Anderer auf den Auslöser der Polaroidkamera, gleich kommt’s Vögelchen.

Notizen (35)

Das in die Handfläche gestreute Brausepulver lösen wir in tollwütig schäumendem Speichel auf. Im katholischen Zeltlager. Im Freibad, in der Umkleidekabine, hinter verschlossenen Türen. Von Kabine zu Kabine kriechend, unter den Trennwänden hindurch, über den nach Chlor riechenden Boden. Fingerkuppen drücken weiße Stellen in die vom Sonnenbrand gerötete Haut. Badehosen, knirschende Sandkörner im eingenähten Netzstoff. Kinderspiele: Ich habe etwas in der Hosentasche. Ich habe die Hand des Schulfreundes in der Hosentasche, habe ein Loch in der Hosentasche, habe mein Glied durch ein Loch in der Hosentasche geschoben, die Eichel, die seine fragenden Finger betasten, er muss raten, was es ist. Im katholischen Zeltlager. Am schroffen Ufer der Fischteiche. Im Schwimmbecken hinterm Gasthof Lamm mit seinem Teppich aus raschelndem Herbstlaub, den ausgetrockneten Fröschen, die in den Stößen von Herbstlaub liegen und welken oder verdorrten Pflanzen ähneln. Auf dem Speicher. Sie fängt an zu heulen, zu plärren – sie soll ihn aus Spiel mit dem Schwert, dem Schaft des alten Nudelholzes, ohnmächtig schlagen. Er bleibt trotzig, besteht auf seiner Rolle, für die sie sich opfern soll: Du darfst mich quälen, solange du nur bei mir bleibst. Unter dem Dach, unter dem sich die Mittagshitze staut. Auf dem Spielplatz, im Gebüsch sitzend, trockene Pflanzenstängel anzündend, rauchend. In einen Apfel beißen, bis die Zunge nicht mehr brennt. Im Schwimmbecken hinterm Gasthof Lamm, das man mit Erde aufgefüllt und zugeschüttet hat, das zu einer Grube in meiner Kinderseele geworden ist.

Notizen (30)

Er lehnt an der maroden Mauer und sie geht in die Hocke, brunzt – leise kichernd – auf die Pflastersteine der Pfarrhausgasse. Gelbe Ginsterblüten. Ein Wurf Katzenjunge im Mauerwinkel verströmt den Geruch von nassem Fell. Die Tür des Falkenwirts öffnet Gelächter den Weg auf die Dorfstraße, Automotoren brummen wie eine späte Rinderherde. Schwere Männerhände klatschen auf Kühlerhauben, Hundegebell. Ein Hund zerrt an seiner Kette, schleift sie über die güllebesudelte Hofeinfahrt, die Birne einer Straßenlaterne zerplatzt, dann ist es still. Hinter dunklen Fenstern werden moralische Zeigefinger in die Schöße treuer Ehefrauen erhoben, die Fingerkuppenvorhaut mit einer weißen, in Essig aufgelösten Perle bekrönt.
Er fasst sich ein Herz, das ihm in die Hose rutscht, der warme Schauer einer Erektion durchläuft ihn, mit dem Handteller fängt er die Beule seines nach unten gezwungenen Ständers ein. Ein Lachen zerplatzt. Wie ein Stein drückt sich ein dunkler Fleck in den Stoff ihres pfirsichfarbenen Schlüpfers und wässert die Stickerei einer auf dem Schamhügel blühenden Rose.