Tagebuch (16)

Man stelle sich vor: einen Menschen, über den lediglich gesagt werden kann, er sei dagewesen, irgendwo. Hinzufügen kann, er habe sich nie zu lange und nie zu kurz an einem Ort aufgehalten, sein Kommen und Gehen – nie zu früh, nie zu spät – sei von der gleichen Diskretion gewesen wie seine Anwesenheit, wie sein Reden und Zuhören, das sich nie gegen den Lauf der Unterhaltung gestellt habe.

Und dann stelle man sich vor: einen der seltenen Momente, in denen dieser Mensch dennoch zum Mittelpunkt des Gesprächs wird, in seiner Abwesenheit sichtbar gemacht wird, weil eine aufgegriffene und wie zufällig in den Raum gestellte Äußerung seinerseits länger als ihr zugedacht im Raum steht, sich als Eintrittspunkt in eine menschliche Tiefe oder Untiefe entpuppt und die Anwesenden feststellen, dass ihnen die Worte über ihn und somit die Ausrüstung, das Kartenmaterial für diese Reise fehlen; und ihnen nur die Aussage bleibt, er sei dagewesen, irgendwo.

Als diesen Unkartografierten habe ich mich lange Zeit gesehen. Jeder Satz, den ich ins Notizbuch eingetragen habe, ist eine unleserliche Wegbeschreibung, die in die Wildnis des Banalen führt.

Ich weiß nicht, ob das Zusammensein mit Magdeleine und Keltermann die Folge oder der Auslöser dafür ist, dass ich mit einem Mal ein Gespür für meine körperliche Präsenz entwickle – nicht so wie Keltermann, der sich auf die Treppenstufen vor einer Gaststätte stellt, über die Köpfe der übrigen Schaulustigen hinweg einen Umzug verfolgt und ihn dadurch zu seinem Umzug macht, zu einem Spektakel aus Blechinstrumenten, Trachten und geschmückten Rinderleibern, das ihm, dem Touristen, die Hauptrolle und den Dorfbewohnern die der Statisten zuweist; eher in der Art: ich stehe neben Magdeleine in der Menge, ein Hemd, das ich über Jahre in aller Selbstverständlichkeit getragen habe, sitzt mir schlecht auf dem Leib, ich suche nach einem Taschentuch, um mir den Schweiß von der Stirn zu wischen und mache mich dadurch zum Komparsen oder – im besten Fall, wenn ich auf eine der Stufen unter ihm treten und mit einer überflüssigen, ungerichteten Geste das Wort an ihn richten würde – zu einer Figur im Buch, das Keltermann niemals schreiben wird.

Tagebuch (15)

Ich betrete den Kirchenraum und weiß, dass mir nichts von diesem Tag bleiben wird.

Früher wäre mir das Dämmerlicht im Mittelschiff – »historische Pfeilerbasilika«, »kassettierte Holzdecke« – ein Ärgernis gewesen. Früher, als mir noch daran gelegen war, die Beschaffenheit der Oberflächen – Holz, Stein – sorgsam zu dokumentieren, sichtbar zu machen, meinen Fingern, die ich später über die auf dem Tisch ausgebreiteten Abzüge führte, die Illusion einer Struktur zu verschaffen; der Mutter zeigte ich die Abzüge und führte dabei meine Fingerkuppen über vermeintliche Risse im Holz oder Rillen im Stein, die ich als Narben wahrnahm oder als Lebenslinien, jedenfalls als etwas, das Merkmal eines Alters oder gelebten Lebens war und mir somit als Nachweis einer Wahrhaftigkeit diente, mit der ich vor der Mutter die Legende eines Heiligen oder die aus Inschriften zusammengereimte Biografie eines Stifters aufsagte und versuchte, aus deren religiöser Ekstase die ästhetische Ekstase meiner Nacherzählung zu machen, immer wieder mit Fingern und Augen die Anhaltspunkte suchend, die von der Fotografie hervorgerufene Erinnerung an ein tatsächliches Aufeinandertreffen: der heftige und doch kaum merkliche Sprung, den das Herz macht, wenn die Fingerkuppe einen Riss im Holz oder eine Rille im Stein entdeckt, und das damit verbundene jähe Bewusstsein, ein fremdes Werk zu berühren, das für die Ewigkeit bestimmt und dem Zerfall überantwortet ist.

Heute: knipse ich. Unsinnig, Keltermann oder Magdeleine davon zu berichten.

Unsinnig auch, der Kusine davon zu berichten. Der Mutter gehe es schlecht – eine solche Aussage, antworte ich ihr am Abend, sei wertlos, sei auch den Atem nicht wert, den es koste, sie zu treffen; eine solche Aussage, der Mutter gehe es schlecht, sage nämlich überhaupt nichts aus, weil sie keinen Kontext festlege, und weil sie keinen Kontext festlege, hänge sie zwangsläufig in der Luft oder anders: im Äther, verbessere ich mich, sie hänge im Äther, in den sie von ihr, der Kusine, hineingesprochen worden sei, und es sei nicht möglich, aus ihr, der Aussage, einen wertvollen Gedanken oder gar einen Entschluss zu ziehen; der Mutter gehe es immer schlechter, verbessere ich die Kusine, das sei eine Aussage, mit der etwas anzufangen sei, weil sie einen Kontext festlege, einen Kontext aus Tagen oder Wochen oder Monaten, die möglicherweise noch verblieben – dass sie, die Kusine, mir aber ausrichten müsse, der Mutter gehe es schlecht und sie frage nach mir, das zeige mir doch nur: die Mutter selbst denke noch gar nicht an eine verbleibende Zeit – denn, fahre ich fort, wäre in meiner Mutter ein Gedanke entstanden, der etwa besagte, es gehe zu Ende mit ihr, dann würde sie nicht nach mir fragen, sondern nach dem Pfarrer oder dem Notar, die ihr in diesem Fall sehr viel nützlicher wären; die Mutter, sage ich der Kusine, habe immer nur nach mir gefragt, wenn ich ihr hätte nützlich sein können, ich sei im Grunde erst interessant für sie geworden, als sie mich habe nutzen können – nutzen, wiederhole ich der Kusine, ich wolle nicht: ausnutzen sagen –, als sie mich habe nutzen können als Zuhörer und Chronist ihrer sogenannten Lebensgeschichte, und auch jetzt, sage ich der Kusine und lege auf, interessiere die Mutter an mir lediglich die Tatsache, dass ich nicht anwesend sei.

Tagebuch (14)

»Historische Pfeilerbasilika mit Turmfassade«, lese ich, »außen gegliedert durch flache Wandpfeiler«, und: »Innenraum mit kassettierter Holzdecke. Aufwendige Farbfassung.«

Müßig, davon zu erzählen.
Neben mir hält Keltermann den Blick auf die Straße gerichtet, hält das Lenkrad mit der linken Hand, und ich halte einen abseitigen Vortrag, sage, kaum dass wir das Ortsschild passiert haben, auch dieses Dorf sei voll von Leuten, die sich nicht zerreißen könnten, die keine D-Züge seien und nur zwei Arme und zwei Beine hätten und eine Haut, aus der sie zwar fahren, aber nicht heraus könnten – als würde ich damit etwas sagen, das es wert sei, gesagt zu werden; und vielleicht, denke ich mir kurz, ohne in meinem Vortrag innezuhalten, rede ich nur deshalb in einer Tour von Ackermaschinen und Raiffeisenkrediten, von geschlossenen Wirtschaften und leerstehenden Lebensmittelläden, weil ich neidisch bin auf die stumme und selbstverständliche Anwesenheit von Magdeleine, die auf der Rückbank sitzt, eine Tabakdose zwischen den Knien, und ihm eine Zigarette nach der anderen dreht.

Ich rede auch noch, als wir das Auto auf dem Parkplatz unterhalb der Dorfkirche abstellen und aussteigen, es kümmert mich nicht, dass wir wie fehl am Platz am Fuß des Treppenaufgangs stehen, und statt meine Ledertasche mit dem Notizbuch und dem Fotoapparat zu nehmen, die Stufen zu nehmen, rede ich von Mähdreschern und Traktoren und Melkmaschinen, von Blechmonstern, die es abzustottern gelte, sobald man in dreckigen Hosen, den Kreditvertrag in der Hosentasche, die Raiffeisenbank verlasse, um danach sein Leben lang vor diesen Maschinen in die Knie zu gehen, im Büßerhemd, während der Schatten des Kirchturms den Sonnenstand anzeige und die Kirchenglocke den Takt der Handgriffe bemesse und irgendwann die Abende einläute, an denen nichts mehr laufe außer den Fernsehern, für die man das Dorf mit Antennen und Satellitenschüsseln verunstaltet habe: In jedem Wohnzimmer ein kaltes Lagerfeuer, das knistert und flackert, weil der Empfang schlecht ist und das Kruzifix am Türsturz neu ausgerichtet werden muss, sage ich und lache mir zu.

Nachts, wenn das Schreien der Stall- und Hofkatzen beginne, werfe man Knallfrösche nach ihnen, und morgens gieße man den nächtlichen Angstschweiß in den Rinnstein.

Ein stotternder Traktormotor lässt mich verstummen; das Singen einer Holzsäge löst ihn ab. Das Dorf erwacht aus seinem Mittagsschlaf, Garagentore öffnen sich, ein Motorrad springt mehrmals die Straße vom Dorf ins Neubaugebiet hinauf und wieder herab, bis es schließlich dorfauswärts ins Unhörbare verschwindet. Keltermann bläst Zigarettenrauch in die Luft.

Tagebuch (13)

Der dritte Tag beginnt noch vor dem Morgengrauen.
Ich sitze an einem Schreibtisch, der nicht meiner ist, und spüre Magdeleine und Keltermann in meinem Rücken schlafen, und mit jeder Minute tropfen Gedanken in einer angenehmen und zugleich besorgniserregenden Langsamkeit in die Quadrate des Rasters, das unsere Pläne, die meine sind, bereits über den anbrechenden Tag gelegt haben. Mein Blick hängt den fallenden Gedanken nach, beobachtet, wie sie wahllos mal hier, mal dort in den freien Flächen landen – und weiß doch, dass es damit ein Ende haben wird, sobald das letzte Quadrat gefüllt sein, sobald es gelten wird, in der gebotenen Hektik aufzubrechen.

Möglicherweise hatte eine ähnliche Gewissheit die Mutter veranlasst, mir mein Versprechen abzunehmen, das nicht weniger enthielt, als dass ich ihr Leben aufschreiben würde. Ich, der ich bis dahin zwar geschrieben, nie aber aufgeschrieben hatte, weder mich selbst noch sonst jemanden aufgeschrieben hatte, musste ihr am Krankenbett versprechen, ihr Leben aufzuschreiben, wie sie es ausdrückte – und es war klar, dass sie mit ihrem »Mein Leben« dasjenige meinte, das sie sich und allen anderen, vor allem aber mir bislang vorenthalten hatte, dasjenige, das vor der Aussiedlung und somit vor meiner Geburt liegt, den beiden Punkten – die Aussiedlung, meine Geburt –, die das Ende ihres Lebens, zumindest ihres erzählens- und aufschreibenswerten Lebens markieren, weil es von da an nichts mehr von Wert gibt, nichts mehr zu erzählen oder aufzuschreiben gibt, weil die Chronistenpflicht dort endet, wo die Fotografien meiner Kindheit und meines Geburtsortes die weißen Seiten im Album ablösen. Fotografien kümmert es nicht, ob das, was sie dokumentieren, inhaltsleer oder bedeutsam ist.

Bei der Mutter, lasse ich einen tröstenden und verräterischen Gedankentropfen fallen, ist noch nicht von Minuten zu sprechen, die das Raster dessen vorgeben, was noch zu tun ist. Vielleicht von Jahren, von Monaten. Vielleicht von Wochen, sage ich mir, nicht aber von Tagen, auch nicht von den Tagen, die ich mir von der Mutter gestohlen habe, die ich mir angeeignet und mit den Requisiten meiner sinnlosen Recherche gefüllt habe: den Fotoapparat, das Notizbuch habe ich in die Tasche gepackt, den Stift und die Broschüren von Kapellen, Kirchen, Sehenswürdigkeiten, habe ich in die Tasche und die Tasche in den Kofferraum gepackt, habe den Kofferraum geschlossen und Magdeleine und Keltermann ins Auto gepackt und angepackt habe ich nichts außer dem Lenkrad und dem Schalthebel, denn Sinn und Zweck dieser Fahrt, sage ich mir wieder, war es, nichts anzupacken, mich davor zu drücken, etwas anpacken zu müssen, mich davonzustehlen vor meinem Versprechen und der Erkenntnis, dass ich es nicht werde einlösen können.

Tagebuch (12)

Muss ich ihn begreifen, um ihn loswerden zu können? Ich könnte ihn mir als Figur vorstellen – ich habe schon längst damit begonnen –, ins längst verworfene epische Präteritum wechseln und seinen Werdegang schildern.

Zum Schreiben kam Keltermann durch eine jener Entscheidungen, die sich stets nicht unbemerkt, aber doch mehr oder minder unbewusst in ihm formten; die sich als Reaktion, als verdrehtes Abbild von Gesehenem und Erlebtem, nur dann in der Lochkamera seines Schädels entwickeln konnten, wenn dieser Prozess nicht durch den übermäßigen Lichteinfall einer kritischen Reflexion unterbrochen wurde. Dieser abgeschottete Raum – es durfte nur der dünne Lichtstrahl seiner Sinneswahrnehmungen einfallen – war notwendig, um seinen Entschlüssen Kontur zu verleihen; stets haftete ihnen das Moment des Abrupten an. Kaum verwunderlich, dass im Dorf schon früh an seiner Legende gestrickt wurde. Sein Gefolge bestand aus denen, deren Eltern ihnen den Umgang mit ihm untersagt hatten, und die gespannte Erwartung des nächsten Ausbruchs bestimmte ihr Verhältnis zu ihm. Egal, wie lange sie ihn schon kannten, für wie lange sie ihn in der ihnen zugewiesenen, genau bemessenen Umlaufbahn umkreisten: Nicht nur Keltermann selbst, sondern auch ihnen mussten seine ebenso abrupten wie folgenschweren Entschlüsse umso klarer und logischer erscheinen, je blinder sie aus ihm herausbrachen.

Die Konsequenz, mit der er sie in die Tat umsetzte, hinterließ Eindruck: etwa im Milchglas der Kellerfenster, die er mit Pfeil und Bogen des gleichaltrigen, auch nicht gerade heilig zu nennenden heiligen Sebastian traktierte – und offene Münder: etwa in den Konsolen der Automobile, in denen kurz zuvor noch ein Blaupunkt Autoradio gesteckt hatte.

Vielleicht begann er mit dem Schreiben, weil es zum Schreiben wie zum Aufbrechen von Autotüren nur ein Werkzeug und das nötige Maß Skrupellosigkeit braucht; aber auch wenn sich der Entschluss, mit dem Schreiben zu beginnen, in Art und Entstehung nicht von den vorangegangenen, in ihrem Wunsch nach Abseitigkeit und Provokation offensichtlicheren unterschied, musste ihm klar gewesen sein, dass diese beiden Ausdrucksformen seiner Persönlichkeit strikt voneinander zu trennen waren.

Ich kann nicht sagen, was er sich von mir versprach; vielleicht gerade die unüberbrückbare Distanz, die schon unsere Lebensalter mit sich bringen.

War ich ernüchtert gewesen, als ich die ersten Blicke auf seine ungeordneten, in ungelenker Handschrift abgefassten Gedichte und Prosafragmente geworfen hatte? Ernüchtert, dass sich der erhoffte subversive Charakter lediglich in der Selbstverständlichkeit zeigte, mit der er sich das Schreiben aneignen wollte wie einen fremden Besitz?

Ich habe, denke ich mir jetzt – ich beäuge wechselweise Keltermann und den Schmierzettel, der ostentativ vor ihm auf der Tischplatte liegt –, niemanden entdeckt, sondern mir jemanden aufgehalst.

Tagebuch (11)

Nicht auszudenken: wenn man nicht mehr auszudenken ist.
Inzwischen, hatte Keltermann gesagt, bevor es im Zimmer still und dunkel geworden war, sei es ihm unmöglich, ein fremdes Buch zu lesen, und er sage ganz bewusst fremdes Buch, denn inzwischen seien ihm die meisten Bücher fremd geworden, abgesehen von wenigen, denen von Cioran und Nietzsche vielleicht; der Rest lasse ihn kalt. Da er bereits alle in ihm vorhandenen Gefühle und somit Täuschungen aus ihnen heraus- und wieder in sie hineingelesen habe, bleibe ihm inzwischen nur noch, dem Lieben und Scheitern und Sterben all dieser belanglosen Figuren ohne jede Gefühlsregung beizuwohnen, und deshalb, hatte er geendet, scheine ihm inzwischen jedes Wort verloren, das nicht aus ihm selbst komme.

Daraufhin hatte sich die Dunkelheit im Zimmer ausgebreitet, die weniger eine Veränderung der Lichtverhältnisse gewesen war, als vielmehr die Folge einer stillen Übereinkunft: es sei jetzt Nacht und das Notwendige gesagt.

Mir war geblieben, in die Schwärze zu starren – Magdeleine und Keltermann hatten schon in der Gaststätte Alkohol bestellt und, zurück im Pensionszimmer, die letzte Flasche Wein vom Vortag entkorkt, die während eines zwar angeregten, insgesamt aber auf das Notwendige und Offensichtliche beschränkten Gesprächs über das Schreiben geleert wurde und schließlich, wie um Keltermanns zögerliches, lange im Schweigen vor dem Einschlafen hängendes Fazit zu unterstreichen, vom Bett gerollt und dumpf auf dem Teppichboden aufgeschlagen war – und mich zu erinnern, vor Jahrzehnten unter der Linde am Kriegerdenkmal gesessen zu haben, zu einer Zeit, als ich im Dorf längst zum mahnenden Beispiel geworden war, und ein Buch gelesen zu haben, dessen Titel und Autor ich auch heute noch mühelos hersagen kann und dessen Seiten mit dutzenden kleiner Pfützen übersät gewesen waren – nein, keine Tränen, sondern Tautropfen –, darin sichtbar: spiegelverkehrte, in feine Härchen zerfasernde Buchstaben.

Gut möglich, denke ich mir am nächsten Morgen, dass es die stille Übereinkunft, das Gespräch zu beenden und dem Schweigen und der Dunkelheit das Feld zu überlassen – Magdeleine hatte vielleicht schon geschlafen –, gar nicht gegeben hatte, dass sie vielmehr eine willkommene Ausrede für mich gewesen war, meinen Widerspruch unausgesprochen zu lassen; denn natürlich hätte ich Keltermann jederzeit widersprechen können. Er kenne doch, hätte ich ihm erwidern können, das Ausmaß und die Tiefe seiner Täuschungen noch nicht, darin liege nämlich die eigentliche Täuschung: zu denken, er könne von seinem Lesen als einem vergangenen und somit von seinem Schreiben als einem gegenwärtigen sprechen – so, als könne es Worte geben, die tatsächlich aus ihm kämen, als könne er sich auf- und niederschreiben, als läge das eigentliche Ziel nicht darin, sich wegzuschreiben, sich so gründlich auf- und davonzuschreiben, bis man sich selbst fremd geworden ist. Das hätte ich ihm erwidern können, denke ich mir und spüre noch einmal dem Gefühl der Fremdheit nach, das ich in der Gaststätte so deutlich empfunden hatte, als ich vom Telefonat mit der Kusine an den Tisch zurückgekehrt war, mich den beiden gegenübergesetzt und sie mit dem gleichen unverwandten Blick betrachtet hatte wie die Heiligen- und Stifterfiguren in der Friedhofskapelle, deren Broschüre – »Geschichte und Bedeutung der Wandmalereien«, et cetera – immer noch nachlässig zusammengefaltet in meiner Gesäßtasche steckt.

In der Nacht hatte mir von einem Gestrüpp aus Worten geträumt, kahl und widerspenstig wie eine Dornenhecke, von hölzernen Fingern, die sich nach dem Wasser strecken und unlesbare Gesten formen, ineinandergreifend und sich wieder voneinander lösend.

Tagebuch (10)

Als wenn es so einfach wäre: im Schneidersitz auf der Wiese sitzen, die Sonnenstrahlen, vom Spiegel des Badesees reflektiert, als Ahnung im Augenwinkel – und dann, den Blick gesenkt und mit den Händen im von Beinen und Schoß geformten Bermudadreieck arbeitend, im Reden die Fotografien entwickeln, die ich in der Kapelle gemacht habe, Magdeleine und Keltermann in diesem schon vergehenden, sich auflösenden Augenblick von ewigen Stifterfiguren und Schmerzensmännern zu erzählen, als wäre in diesen Fotografien – die noch lediglich Möglichkeit sind, die Wirklichkeit ins Gegenteil kehrend – etwas festgehalten, in der Art, in der man im Schreiben etwas festhält. Als befände sich in meiner Tasche etwas, das mehr Beständigkeit und somit mehr Wert besitze als die unruhigen Bewegungen, mit denen Keltermann vor Freude quietschende Grashalme aus der Wiese zupft und zwischen den Fingern zerdreht.

Auch Einsamkeit, denke ich mir, ist ein Gefühl, das man auskosten kann, in dem man sich selbst finden kann; man muss sie nur zulassen, die Einsamkeit, darf sie nicht überdecken mit einem schimmernden Film aus Worten, Gesten, dem verführerisch leichten Mienenspiel der Gesichtsmuskulatur, das ein Reden oder ein Lächeln bedingt.

Auf der Rückfahrt finden wir eine Gaststätte, in der Licht brennt, Keltermann und Magdeleine begutachten die Karte, ich lasse mir von der Wirtin den Telefonapparat zeigen.

Eine Fotografie zeigte eine Reihe zum Trocknen an Haken aufgehängter Schweinefüße und hing einige Zeit an der Wand, an die ich irgendwann meinen Schreibtisch gerückt hatte; ich sah sie beim Schreiben und beim Denken, in den Pausen, während derer die geduldige wie ausdauernde Schreibmaschine ihre stepptanzenden Typenhebel ausruhen und ich in die vermeintliche Leere starren durfte. Ich hatte den Schreibtisch an die Wand, gegen die ich von da ab anschrieb, geschoben und kurz darauf die Fotografie dort aufgehängt, damit sie mir etwas ins Bewusstsein rufen konnte, an das ich mich nicht mehr erinnere.
Nicht Gänse-, sondern Schweinefüße erinnern die Anführungszeichen, die ich ins Notizbuch eintrage, »Wir werden uns nicht mehr sehen«, hatte die Mutter gesagt, wie jedes Mal, wenn ich mich von ihr verabschiede; ich hatte im Umdrehen noch ihren Kopf ins blumengemusterte Kissen sinken sehen, bevor ich das Haus verlassen und mich ins Auto gesetzt hatte, um Magdeleine und Keltermann abzuholen.

Ich streiche den Satz und die Anführungszeichen wieder aus, lege den Füllfederhalter aus der Hand, in die ich den Telefonhörer wechsle und noch höre, wie die Kusine sagt, sie habe sich in der Stube der Mutter einen provisorischen Schlafplatz eingerichtet, hinzufügt, man könne ja nie wissen.

Tagebuch (9)

Auch diese Fahrt kommt ans Ziel, ohne dass ich von ihr berichten kann: die nackten, dreckstarrenden Zehen entwurzelter Bäume am Hang, auf den Asphalt gekullerte Erdknollen, Achtung Steinschlag; schließlich die Ortschaft unter uns, ein Wildwuchs, wo sich die Landschaft faltet.

Das Auto stelle ich – es ist Ruhetag – auf dem Parkplatz einer Gastwirtschaft ab, trenne mich am Ortsschild von Magdeleine und Keltermann, wegweise sie in Richtung Badesee und hebe zum Zeichen des Abschieds meine Ledertasche, Notizbuch und Fotoapparat darin; Requisiten meiner Rolle, die ich also, denke ich mir, spielen werde, bis der Vorhang fällt. Stattdessen fällt mir später die Tasche von der Friedhofsmauer. Ich lese von Pesttoten, für die man den Friedhof erweitert habe, lese anderswo, der Schlüssel für die Friedhofskapelle könne im Wasch-Center abgeholt werden. »Fun Wash«, der Titel einer Kurzprosa von-wem-sonst Josef Winkler geht mir nicht aus dem Kopf, während ich, den Schlüssel mit dem grünen, handschriftlich mit »Kapelle« beschrifteten Schlüsselanhänger in der Faust, durch die Reihen der Grabsteine gehe und mich frage, ob irgendwo unter mir, nicht mehr voneinander unterscheidbar, wirklich Pestopfer liegen oder nur die regulären Toten, die, ohne es zu wissen, für einige Zeit der »lutherischen Sekte« angehörten und seit ein paar Jahrhunderten wieder katholisch sind, die armen Teufel, über deren Köpfe hinweg gelaufen und entschieden wird, die es nicht einmal zu Allerseelen schaffen, sich unter Protest aus ihren muffigen Gruben zu heben – schon wieder tropft Weihwasser durch die Decke, durch die undichte Stelle im Sargdeckel, längst hat der stete Tropfen die Stirn ausgehöhlt, ein ewiges Ärgernis – und am verschlossenen Tor des Gottesackers zu rütteln, bis man ihnen Gehör schenkt, ein abgekautes Ohr zum Fraß vorwirft, und schließlich, den von der Gemeinde bereitgestellten Filzstift in den knöchernen Händen, an der richtigen Stelle ihr Kreuz zu machen.

Im Halbdunkel des Kapellenraumes, in dem ich mich vor dem Ansturm der Toten verschanze, fotografiere ich – bitte Blitzlicht vermeiden – die Rötelzeichnungen an den Wänden, die Kanzel, die Reliefornamente, die Stifter- und Heiligenfiguren. Später kann ich den Film entwickeln lassen, um etwas Handfestes zu haben, mit dem ich Magdeleine und Keltermann gegenüber unseren Ausflug, der Mutter gegenüber meine Abwesenheit rechtfertigen kann. Der Karton mit den Fotografien, den Kruzifixen und Schmerzensmännern, den Grabsteinen und Grabinschriften, ein weiteres Requisit für den Schmierenkomödianten.

Auf dem Weg zum Badesee – ich wollte die Felder queren und mir den erneuten Gang durchs Dorf sparen – stoße ich an die künstliche Grenze der Schrebergarteneinzäunungen, und obwohl keine Menschenseele zu sehen ist, bleibt mir nichts anderes, als zur Straße zurückzukehren. Mit von Hitze geleertem Kopf komme ich am Schalter an, schiebe mich durch das Drehkreuz, die Ledertasche auf Schulterhöhe haltend, kann aus der Ferne Magdeleine und Keltermann auf der Liegewiese ausmachen und bleibe zögerlich vor den Umkleidekabinen stehen, das Leichtgewicht meiner Tasche schmerzlich bewusst am Arm, bevor ich sie auf dem Kiesweg abstelle, mir Schuhe und Socken von den müden Füßen streife und barfuß auf die Wiese trete.

Tagebuch (8)

Ungesagt bleibt, dass Magdeleine sich keinen Begriff davon macht, auf wie wenige Worte sie einen sogenannten Menschen reduzieren können, insbesondere dann, wenn sie nicht über ein Kind schimpfen, sondern über einen vermeintlich Ebenbürtigen – wie man sagt: »Such dir jemanden in deiner Größe«, und ungesagt bleibt: um ihn dann zu reduzieren – einen, der ja schließlich die Wahl hatte, der sich freiwillig außerhalb ihrer Gemeinschaft und in die Sünde und somit in die Einsamkeit begeben hatte; der seinen letzten Rest Menschsein in dem Wort »Unmensch« suchen und bewahren soll und den sie eher als Verkehrsleiche denn als lebenden, schreibenden Menschen zurück ins Dorf lassen würden.

Ungesagt bleibt es nicht nur deshalb, weil plötzlich Keltermann im Zimmer steht und eine Flasche Wein zwischen uns abstellt; sondern auch, weil mir klar wird, dass zwischen uns noch gar kein Platz für diese Geschichte ist, auch nicht für das Kind in mir, das sich in der letzten Zeit immer lauter zu Wort gemeldet hat, immer quengeliger geworden ist und mich auf diese unsinnige Reise geschickt hat, mit der ich mich im Dorf endgültig unmöglich gemacht habe. Das Kind in mir, wird mir klar, hat mich in die Gesellschaft von Magdeleine und Keltermann, und somit in die Einsamkeit, geschickt. Früher oder später, hatte Keltermann gestern gesagt, kehre jeder wieder in die Dorfgemeinschaft zurück, die Dorfgemeinschaft, hatte er gesagt, hole sich früher oder später jeden wieder zurück, der es gewagt habe, auszuscheren – und wenn sie ihn dafür zum Spinner oder zum Verbrecher machen müsse.

Später der Gedanke an Flaschendrehen, Tat oder Wahrheit.

Des Nachts träumt mir von einem wie ein Osterfeuer brennenden Autowrack, von singendem Blech und den metallenen Zähnen des Kühlergrills, mit denen es sich im Baumstamm verbeißt. Im zerbrochenen Seitenspiegel rasiert sich der Fleischhauer Kummerer die Rübe weg. Regen prasselt zischend in die Flammen. In der feuchten Erde die Fußspuren des heiligen Sebastian und des heiligen Christopher, die zurück zur Straße, die Böschung hinauf führen, sich als Kette aus Blutsprenkeln auf dem Asphalt fortsetzen und schließlich, früher oder später, in die Marschroute der Himmelfahrtsprozession einscheren und ins Dorf zurückfinden, auf ein letztes Bier vor der Heimfahrt in den Falken einkehren, wo ich am Tresen sitze und meine Kapitulationserklärung auf den Bierdeckel schreibe: ihr die Nägel, ich der Sarg, aus dem gleichen Holz geschnitzt wie die Bäume, in deren Rinde ich meine Kapitulationserklärung geritzt hatte, die Hochzeitspläne, von Amors Pfeil durchkreuzt.

Tagebuch (7)

Irgendwann, sagt sie, als ich ihr das Notizbuch zurückgebe und mir jedes weitere Wort verkneife, habe sie vor der Wahl gestanden, sich selbst oder dem Wort Schön zu misstrauen. Jedes Mal, wenn ihr ein solches Schön mitgegeben worden sei, es das Zurückgeben eines auf kleinkariertes Papier notierten Gedichtes oder eines Notizbuchs begleitet habe – schließlich nicht mehr zu unterscheiden gewesen sei, ob sie oder ihre Sätze gemeint seien – sei das Wort Schön ein Stück weit entwertet worden, sei unzuverlässig geworden, habe ihr Misstrauen geweckt.
Es gehöre zum Charakter der Dörfler, um Worte verlegen zu sein, sie stiefmütterlich zu behandeln, und deshalb seien sie bemüht, alles möglichst auf einen Satz, ein Wort zu reduzieren, selbst in ihrem endlosen Tratsch immer nur die gleichen Sätze und Wörter verwenden zu müssen – und dabei merkten sie nicht, wie sie den Menschen selbst auf einen Satz, ein Wort reduzierten, ihn in die Enge eines Satzes oder eines Wortes zwängten, denn selbst für ein Kind sei die Frage, wem es gehöre, schon zu klein, zu eng, und das Wort Schön, das aus einer falsch verstandenen Höflichkeit oder Bewunderung oder verliebten oder pubertären Regung das Aus- und Vorbeilesen ihrer Gedichte und Notizen begleite, komme ihr aus diesem Grund immer mehr wie ein Abtun, ein Abwerten vor.

Eine Woche lang war ihre Mutter nach der Trauerfeier noch verschleiert durchs Dorf gegangen, hatte sich mindestens einmal täglich auf den Weg zum Gottesacker gemacht, hatte ihr geselliges Wesen hinter einer Maske aus Schweigen versteckt, die sie nicht ohne einen gewissen Stolz, den das Wissen um das eigene Auserwähltsein – und sei es das Auserwähltsein zur Trauer – mit sich bringt. Ihre Stimme hatte sie für eine Woche eingetauscht gegen einen Platz im Chor der alten Weiber, die von früh bis spät in wechselnder Besetzung in den hinteren Kirchenbänken hocken und den Rosenkranz herunterleiern. Für eine Woche hatte sich Magdeleines Mutter in dieses heisere Raunen der krückstöckig und krummrückig, faltenröckig in den Kirchenbänken sitzenden Weiber gemischt, das mir stets als Schauer den Rücken herunterläuft und mich sprachlos, mit letztem Atem gegen die Sprache ankämpfend, zurücklässt. Für eine Woche hatte sie ihre Sprache gebenedeit, in der man ansonsten jeden wahlweise als Saumensch oder Tranfunzl bezeichnen kann, in der man abgrenzen und ausgrenzen kann, nach Fremden und Einheimischen trennen kann, je nachdem, ob jemand auf der Straße mit »’n Owed« oder mit »’n Obed« grüßt. »’n Obed« – lies: Guten Abend – sagt man auf der Straße nach dem Zwölfuhrläuten, »’n Obed« ist das einzige Wort, das sie in meiner Sprache noch für mich übrig haben, und nicht einmal das kriege ich heraus, wenn ich Magdeleines Mutter zwischen den Reihen der Gräber begegne und sie bei meinem Anblick »schier gar n Herzschlag« bekommt.