Notizen (111)

Ich hatte Dir unlängst von den fernen und unmenschlichen Gesichtern der Heiligen geschrieben; heute sind sie mir wieder begegnet, in den Skulpturen der Chartreser Kathedrale, die man – diese Charakterköpfe – mit Vokabeln wie »tektonisch« bezeichnet. Immerhin bewegen sich auf ihren Schädelplatten ganze Kontinente. Womöglich liegt der Grund ihrer Fremdartigkeit in ihren Brauen, über denen sich die ganzen Lasten des Diesseits wie nach einem Erdrutsch aufgetürmt haben; oder in den Augen, denen die Farbe des Wirklichen abhanden gekommen ist, die sich in einem exaltierten Blick von uns modernen Menschen abgewandt und den Weg zurück in ihre Höhlen gefunden haben.
Jedenfalls drücken diese Gesichter eher metaphysischen Schrecken aus als Trost. In seinem unvollendet gebliebenen Epilog zum »Fluss ohne Ufer« nennt Hans Henny Jahnn das Mitleid die »ungöttlichste« aller menschlichen Eigenschaften. Und tatsächlich, wo sollte es zu finden sein, wenn nicht unter den aus dem Paradies Vertriebenen. Wenn die ewige Strafe des Menschen darin besteht, zwischen den Stühlen zu sitzen, dann dürfen wir von den Heiligen weder Solidarität noch Mitleid erwarten – sie haben schließlich den feigen Ausweg aus dem existenziellen Zweifel gewählt, ihre Mienen sind versteinert und zu keiner menschlichen Regung mehr fähig, und falls doch, dann nur noch zu einem sardonischen Lächeln. Wie viel sinnvoller ist es da, heilige Tiere zu verehren.

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