Notizen (102)

Wir lernen ihn schreiben. Wir erarbeiten ihn uns Buchstabe für Buchstabe und machen ihn zu einer Linie, einer fließenden Bewegung, damit wir ihn in Poesiealben schreiben können, ihn unter Postkarten setzen können und unter Briefe; damit wir ihn in die Tastatur der Schreibmaschine hacken und in Baumrinden und Holzbänke ritzen können; wir unterzeichnen damit Liebesschwüre ebenso skrupellos wie amtliche Schreiben, und ließe sich alles in Reihe bringen, würde man sich endlich selbst fremd werden – in der Art, in der einem jedes Wort fremd wird, wenn man eine Zeile damit füllt: man schreibt es, wie man es schon etliche Male geschrieben hat, und im Unterschied zu diesen etlichen Malen löst etwas an der Abfolge von Zeichen eine merkwürdige, momentane Faszination aus, so dass man es erneut schreibt, wieder und wieder, bis der Wagen der Schreibmaschine am Anschlag angekommen ist und das Wort jeden Sinn verloren hat und in seinen immergleichen Zeichen nur noch die Geschichte dieser momentanen Faszination erzählen kann – und wenn man sich endlich fremd geworden ist, braucht es nur die Stimme eines Menschen, damit sich eine Tür im eigenen Bewusstsein öffnet und man feststellt, dass alles, was einen ausmacht, in der Differenz zwischen dem eigenen Fremdsein und dem eigenen Namen liegt.

Notizen (99)

Man steht selten so nah am Abgrund des eigenen Denkens wie in dem Moment, wenn man während einer zu spät begonnenen und ins hervorbrechende Dunkel zwischen den Bäumen führenden Wanderung die schon dutzende Male passierte Biegung des Weges am Scheitelpunkt einer Anhöhe erreicht und der Blick, wie schon dutzende Male zuvor, auf eine dort stehende Sitzbank fällt und auf eine lose über der Rückenlehne hängende Kinderhose; und wenn man stehenbleibt und bei diesem Anblick verharrt, wohl wissend, dass jeder Versuch einer Rekonstruktion des Geschehens, dessen Resultat man vor sich sieht, unweigerlich ins Dunkel zwischen den Bäumen führen würde, in dem jede eingeschlagene Richtung falsch ist und sich jeder Gedanke verliert; und wenn man nach ein paar zögerlichen Schritten die nächste Biegung erreicht und sein Tempo beschleunigt, den Blick als äußeres Anzeichen der eigenen unsicheren Gedanken wieder und wieder über die Schulter wirft und schließlich feststellt, dass das Geräusch fremder Schritte nur das Klappern des Notizbuchs in der Jackentasche ist.