Tagebuch (14)

»Historische Pfeilerbasilika mit Turmfassade«, lese ich, »außen gegliedert durch flache Wandpfeiler«, und: »Innenraum mit kassettierter Holzdecke. Aufwendige Farbfassung.«

Müßig, davon zu erzählen.
Neben mir hält Keltermann den Blick auf die Straße gerichtet, hält das Lenkrad mit der linken Hand, und ich halte einen abseitigen Vortrag, sage, kaum dass wir das Ortsschild passiert haben, auch dieses Dorf sei voll von Leuten, die sich nicht zerreißen könnten, die keine D-Züge seien und nur zwei Arme und zwei Beine hätten und eine Haut, aus der sie zwar fahren, aber nicht heraus könnten – als würde ich damit etwas sagen, das es wert sei, gesagt zu werden; und vielleicht, denke ich mir kurz, ohne in meinem Vortrag innezuhalten, rede ich nur deshalb in einer Tour von Ackermaschinen und Raiffeisenkrediten, von geschlossenen Wirtschaften und leerstehenden Lebensmittelläden, weil ich neidisch bin auf die stumme und selbstverständliche Anwesenheit von Magdeleine, die auf der Rückbank sitzt, eine Tabakdose zwischen den Knien, und ihm eine Zigarette nach der anderen dreht.

Ich rede auch noch, als wir das Auto auf dem Parkplatz unterhalb der Dorfkirche abstellen und aussteigen, es kümmert mich nicht, dass wir wie fehl am Platz am Fuß des Treppenaufgangs stehen, und statt meine Ledertasche mit dem Notizbuch und dem Fotoapparat zu nehmen, die Stufen zu nehmen, rede ich von Mähdreschern und Traktoren und Melkmaschinen, von Blechmonstern, die es abzustottern gelte, sobald man in dreckigen Hosen, den Kreditvertrag in der Hosentasche, die Raiffeisenbank verlasse, um danach sein Leben lang vor diesen Maschinen in die Knie zu gehen, im Büßerhemd, während der Schatten des Kirchturms den Sonnenstand anzeige und die Kirchenglocke den Takt der Handgriffe bemesse und irgendwann die Abende einläute, an denen nichts mehr laufe außer den Fernsehern, für die man das Dorf mit Antennen und Satellitenschüsseln verunstaltet habe: In jedem Wohnzimmer ein kaltes Lagerfeuer, das knistert und flackert, weil der Empfang schlecht ist und das Kruzifix am Türsturz neu ausgerichtet werden muss, sage ich und lache mir zu.

Nachts, wenn das Schreien der Stall- und Hofkatzen beginne, werfe man Knallfrösche nach ihnen, und morgens gieße man den nächtlichen Angstschweiß in den Rinnstein.

Ein stotternder Traktormotor lässt mich verstummen; das Singen einer Holzsäge löst ihn ab. Das Dorf erwacht aus seinem Mittagsschlaf, Garagentore öffnen sich, ein Motorrad springt mehrmals die Straße vom Dorf ins Neubaugebiet hinauf und wieder herab, bis es schließlich dorfauswärts ins Unhörbare verschwindet. Keltermann bläst Zigarettenrauch in die Luft.

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