Notizen (90)

Wir fahren vorbei an desolaten Wiesen stehen tote Sonnenblumen mit Köpfen wie rostige Duschköpfe werfen wir auf den Wertstoffhof unserer Ethik ist Wahlfach von wöchentlich zwei Stunden sitzen wir an für einen Schuss ins Blaue raten wir dem Freund die Lottozahlen der nächsten Woche opfern wir zwei Stunden Arbeitszeit verbringen wir in leiser Enttäuschung empfinden wir nur noch für uns selbst kaufen wir Geschenke ohne Geschenkpapier stopfen wir in die Mülltonne am Straßenrand bevor wir fahren.

Notizen (89)

Bin ich erst einmal gestürzt, werden sie mir gegenüber von meinen ehemaligen Streifzügen aus dem Dorf hinaus sprechen. Niemand hat die genauen Routen aufgezeichnet; sie konnten immer nur von meinem Aufbruch oder meiner Rückkehr Notiz nehmen, sie zeitlich fixieren, wenn sie mit dem Aufleuchten der Laternen oder dem Schlagen der Kirchenglocken zusammenfielen. Von den Momenten des Kehrtmachens wissen sie nichts. Sie können nicht sagen, welche Regung sie einleitete: ein plötzliches Innehalten, ein Blick zurück oder ein erst langsamer werdendes, dann – sobald der Bogen für den Rückweg gefunden war – wieder beschleunigtes Ausschreiten. Sie können auch nicht wissen, dass die jeweilige Route meiner Streifzüge dem täglich schrumpfenden Maß meiner Wachheit entsprach; ihre Grenze wurde nicht von der Topografie gezogen, von Flussläufen, Kilometersteinen, Wegkreuzungen, sondern von der stets überfallartigen Erkenntnis meiner Müdigkeit und der damit einhergehenden Angst, den Punkt der sicheren Rückkehr überschreiten zu können.

Notizen (87)

Beobachtet habe ich den heiligen Sebastian, wie er mit Pfeil und Bogen spielte und Löcher ins Milchglas fremder Kellerfenster schoss; oder dabei, wie er Fürbittkerzen aus der Kirche stahl; Bonbon- und Fruchtgummitüten aus dem SPAR-Lebensmittelladen, deren knisternde Verpackungen er durch die daumengroßen Löcher in den Fensterscheiben schob. Meine Beobachtungen erhoben mich über niemanden, jeder im Dorf kannte die Liste seiner Verfehlungen. Ich kannte die von allen, auch von ihm selbst vergessenen Reste seiner Zukunftspläne, die sich wie Brotkrumen in den ausgefransten Rändern seiner Träume verfingen; Träume, in die er, wie ich mir ausmalte, mit Zahnschmerzen fiel und aus denen er mit Kopfschmerzen und gähnendem Unterkiefer erwachte; in denen sich die Strahlen einer Urlaubssonne auf die dünne Haut der Augenlider legten und die im Fahrtwind zuckende Plane eines Pritschenwagens zum Überholen aufforderte und schließlich nur eine Ahnung, die Reflexion einer zitternden Bewegung in der Scheibe hinterließ. Was er mir auf der Rückseite einer das Mittelmeer abbildenden Postkarte in hastig während einer Rast niedergekritzelten Sätzen hätte mitteilen können, hätte vielleicht genau dem entsprochen, was ich damals über den heiligen Sebastian zu sagen wusste.

Tagebuch (16)

Man stelle sich vor: einen Menschen, über den lediglich gesagt werden kann, er sei dagewesen, irgendwo. Hinzufügen kann, er habe sich nie zu lange und nie zu kurz an einem Ort aufgehalten, sein Kommen und Gehen – nie zu früh, nie zu spät – sei von der gleichen Diskretion gewesen wie seine Anwesenheit, wie sein Reden und Zuhören, das sich nie gegen den Lauf der Unterhaltung gestellt habe.

Und dann stelle man sich vor: einen der seltenen Momente, in denen dieser Mensch dennoch zum Mittelpunkt des Gesprächs wird, in seiner Abwesenheit sichtbar gemacht wird, weil eine aufgegriffene und wie zufällig in den Raum gestellte Äußerung seinerseits länger als ihr zugedacht im Raum steht, sich als Eintrittspunkt in eine menschliche Tiefe oder Untiefe entpuppt und die Anwesenden feststellen, dass ihnen die Worte über ihn und somit die Ausrüstung, das Kartenmaterial für diese Reise fehlen; und ihnen nur die Aussage bleibt, er sei dagewesen, irgendwo.

Als diesen Unkartografierten habe ich mich lange Zeit gesehen. Jeder Satz, den ich ins Notizbuch eingetragen habe, ist eine unleserliche Wegbeschreibung, die in die Wildnis des Banalen führt.

Ich weiß nicht, ob das Zusammensein mit Magdeleine und Keltermann die Folge oder der Auslöser dafür ist, dass ich mit einem Mal ein Gespür für meine körperliche Präsenz entwickle – nicht so wie Keltermann, der sich auf die Treppenstufen vor einer Gaststätte stellt, über die Köpfe der übrigen Schaulustigen hinweg einen Umzug verfolgt und ihn dadurch zu seinem Umzug macht, zu einem Spektakel aus Blechinstrumenten, Trachten und geschmückten Rinderleibern, das ihm, dem Touristen, die Hauptrolle und den Dorfbewohnern die der Statisten zuweist; eher in der Art: ich stehe neben Magdeleine in der Menge, ein Hemd, das ich über Jahre in aller Selbstverständlichkeit getragen habe, sitzt mir schlecht auf dem Leib, ich suche nach einem Taschentuch, um mir den Schweiß von der Stirn zu wischen und mache mich dadurch zum Komparsen oder – im besten Fall, wenn ich auf eine der Stufen unter ihm treten und mit einer überflüssigen, ungerichteten Geste das Wort an ihn richten würde – zu einer Figur im Buch, das Keltermann niemals schreiben wird.

Notizen (85)

Vor Aufregung erbricht das Kind sein Frühstück auf den weißen Stoff; zum Glück nur die Tischdecke. Später muss es entsagen. Entsagen? Dem Satan? Seinen Versuchungen auch? Später? Sein Lebtag lang muss es entsagen – muss, was man ihm vorgesagt hat, so lange aufsagen, bis es hohl geworden ist, entleert wurde, bis in den Zustand des Entsagtseins heraufgewürgt und wiedergekäut wurde. Ein Mohnkorn wandert nach innen, ins Fleisch.

Notizen (83)

Vom Kuhstall herübergekommen, von meinem Blut gekostet und sich daran gewöhnt, schnäkig geworden. Ich schlage sie aus der Luft – ein Reflex, Notwehr –, zerreibe sie zwischen den Fingern zu einem schwarzroten Punkt, den ich unter unsere gemeinsamen Nächte setze.