Notizen (104)

Man streicht die Namen von Orten aus seinem Gedächtnis. Man streicht die Bezeichnungen von Blumen und Kleidungsstücken, streicht Ausdrücke, die Teil einer Mode sind oder waren. Man vergisst, um das Besondere leugnen zu können, trägt man Schicht um Schicht einer glänzenden oder stumpfen Farbe ab. Und dann folgt einer dieser Momente, in denen man dennoch der Täuschung anheimfällt, man könne sich über das Detail das Ganze erschließen, und sich der eigene Blick auf einen Punkt zusammenzieht, an dessen klar abgegrenzte Ränder die Unschärfe brandet; wenn sich mit einem Mal, infolge einer täuschend echten Erkenntnis, von diesem Punkt aus ein Filter über das Bild legt und aus einem vermeintlichen Kiosk den Grenzposten macht – als wäre das der fixierenswerte Moment gewesen, das Überqueren der Grenze, nicht das Ankommen – und dich als jene Version deiner selbst ausweist, die noch rauchen durfte, zumindest hältst du deine Finger auf verräterische Weise an deine Lippen, und dann legt man es ab, weil man meint, sich zu erinnern.

Notizen (102)

Wir lernen ihn schreiben. Wir erarbeiten ihn uns Buchstabe für Buchstabe und machen ihn zu einer Linie, einer fließenden Bewegung, damit wir ihn in Poesiealben schreiben können, ihn unter Postkarten setzen können und unter Briefe; damit wir ihn in die Tastatur der Schreibmaschine hacken und in Baumrinden und Holzbänke ritzen können; wir unterzeichnen damit Liebesschwüre ebenso skrupellos wie amtliche Schreiben, und ließe sich alles in Reihe bringen, würde man sich endlich selbst fremd werden – in der Art, in der einem jedes Wort fremd wird, wenn man eine Zeile damit füllt: man schreibt es, wie man es schon etliche Male geschrieben hat, und im Unterschied zu diesen etlichen Malen löst etwas an der Abfolge von Zeichen eine merkwürdige, momentane Faszination aus, so dass man es erneut schreibt, wieder und wieder, bis der Wagen der Schreibmaschine am Anschlag angekommen ist und das Wort jeden Sinn verloren hat und in seinen immergleichen Zeichen nur noch die Geschichte dieser momentanen Faszination erzählen kann – und wenn man sich endlich fremd geworden ist, braucht es nur die Stimme eines Menschen, damit sich eine Tür im eigenen Bewusstsein öffnet und man feststellt, dass alles, was einen ausmacht, in der Differenz zwischen dem eigenen Fremdsein und dem eigenen Namen liegt.

Notizen (99)

Man steht selten so nah am Abgrund des eigenen Denkens wie in dem Moment, wenn man während einer zu spät begonnenen und ins hervorbrechende Dunkel zwischen den Bäumen führenden Wanderung die schon dutzende Male passierte Biegung des Weges am Scheitelpunkt einer Anhöhe erreicht und der Blick, wie schon dutzende Male zuvor, auf eine dort stehende Sitzbank fällt und auf eine lose über der Rückenlehne hängende Kinderhose; und wenn man stehenbleibt und bei diesem Anblick verharrt, wohl wissend, dass jeder Versuch einer Rekonstruktion des Geschehens, dessen Resultat man vor sich sieht, unweigerlich ins Dunkel zwischen den Bäumen führen würde, in dem jede eingeschlagene Richtung falsch ist und sich jeder Gedanke verliert; und wenn man nach ein paar zögerlichen Schritten die nächste Biegung erreicht und sein Tempo beschleunigt, den Blick als äußeres Anzeichen der eigenen unsicheren Gedanken wieder und wieder über die Schulter wirft und schließlich feststellt, dass das Geräusch fremder Schritte nur das Klappern des Notizbuchs in der Jackentasche ist.

Notizen (98)

Wie jeden Monat besuchen wir den Waldfriedhof unserer Zukunftspläne.
Auf dem Rückweg bleiben wir, wie auf ein stummes Zeichen hin, stehen und wenden die Köpfe: dicht an dicht stehende Bäume bilden die Zeile des Waldrands, die eine unabänderliche Aussage formuliert, und erneut liegt im Streifblick, den wir vor dem Weitergehen tauschen, die trügerische Hoffnung, nicht mehr wiederzukehren. Was bliebe zu sagen? Über unseren Köpfen spannt sich ein öder Himmel und mancher Satz findet ein vorzeitiges Ende.