Notizen (109)

Der Traum beginnt, wo jede Erzählung ihren Anfang nimmt: im Wald, den Blick in die Baumkronen gerichtet, deren Äste einen fahlen und fernen Himmel zerschneiden; einen Himmel, dessen Fläche dünner wird, je länger man darauf blickt, durchlässig, licht, bis man begreift, dass man auf eine Membran blickt, von unzähligen Adern durchzogen, die sich verzweigen, in immer feinere Enden, und jedes dieser Enden lässt sich zurückverfolgen zu einem Punkt, an dem sie sich bündeln, hervorbrechen, einen Stamm bilden, der dem rückwärts fliehenden Blick nach oben folgt, sich verzweigt, in Äste, Blattwerk, bis man auf einen See aus Baumkronen blickt, die mit einem Mal in Bewegung geraten, als wäre dort, wo man eben noch gestanden haben mochte, ein Stein ins Wasser gefallen, und während man die Wellen betrachtet, die sich von diesem Punkt aus durch die Kronen bewegen, das Rauschen wahrnimmt, die Dichte und Körperlichkeit der Luft, stellt man sich vor, wie es wäre, auf freiem Feld zu stehen und infolge einer ebenso plötzlichen wie diffusen Ahnung zum Waldrand zu blicken, ins Dunkel zwischen den Bäumen, aus dem etwas verborgen, aber unaufhaltsam nach außen drängt.

Notizen (108)

Wir leben im Sitzen und sterben im Straßengraben. Wir schwänzen die Arbeit wie früher die Schule. Wir ertragen einander, weil wir noch nicht gelernt haben, alleine zu saufen. Wir fahren unseren Vätern hinterher, über ansteigende und abfallende Landstraßen, durch den Scheitelpunkt blinder Kurven, gegen Bäume und Zäune und Mauern. Wir markieren unseren Standort an Zäunen und Mauern, und wenn wir aus der Bahn geraten, wird auch diese Stelle markiert. Wir füllen die Straßengräber und Felder mit unseren Namen, und wenn es uns nicht mehr gibt, machen die Leute drei Kreuze. Wir bestellen noch ein Bier und noch einen Schnaps und denken gar nicht daran, nach Hause zu gehen. Unser Zuhause zerfressen die Ratten.

Notizen (107)

Der Knoten ineinander geflochtener Hände schlägt dumpf auf die Dielen. Rot treten die Fingerknöchel aus dem Knäuel. Im Erdgeschoss knallt das Kind panisch die Türen und ruft nach den Eltern. Das Kind hält alles für schicksalhaft und weiß noch nichts von der Lächerlichkeit des Lebens, die über seinem Kopf knarzt und ächzt.

Notizen (104)

Man streicht die Namen von Orten aus seinem Gedächtnis. Man streicht die Bezeichnungen von Blumen und Kleidungsstücken, streicht Ausdrücke, die Teil einer Mode sind oder waren. Man vergisst, um das Besondere leugnen zu können, trägt man Schicht um Schicht einer glänzenden oder stumpfen Farbe ab. Und dann folgt einer dieser Momente, in denen man dennoch der Täuschung anheimfällt, man könne sich über das Detail das Ganze erschließen, und sich der eigene Blick auf einen Punkt zusammenzieht, an dessen klar abgegrenzte Ränder die Unschärfe brandet; wenn sich mit einem Mal, infolge einer täuschend echten Erkenntnis, von diesem Punkt aus ein Filter über das Bild legt und aus einem vermeintlichen Kiosk den Grenzposten macht – als wäre das der fixierenswerte Moment gewesen, das Überqueren der Grenze, nicht das Ankommen – und dich als jene Version deiner selbst ausweist, die noch rauchen durfte, zumindest hältst du deine Finger auf verräterische Weise an deine Lippen, und dann legt man es ab, weil man meint, sich zu erinnern.

Notizen (102)

Wir lernen ihn schreiben. Wir erarbeiten ihn uns Buchstabe für Buchstabe und machen ihn zu einer Linie, einer fließenden Bewegung, damit wir ihn in Poesiealben schreiben können, ihn unter Postkarten setzen können und unter Briefe; damit wir ihn in die Tastatur der Schreibmaschine hacken und in Baumrinden und Holzbänke ritzen können; wir unterzeichnen damit Liebesschwüre ebenso skrupellos wie amtliche Schreiben, und ließe sich alles in Reihe bringen, würde man sich endlich selbst fremd werden – in der Art, in der einem jedes Wort fremd wird, wenn man eine Zeile damit füllt: man schreibt es, wie man es schon etliche Male geschrieben hat, und im Unterschied zu diesen etlichen Malen löst etwas an der Abfolge von Zeichen eine merkwürdige, momentane Faszination aus, so dass man es erneut schreibt, wieder und wieder, bis der Wagen der Schreibmaschine am Anschlag angekommen ist und das Wort jeden Sinn verloren hat und in seinen immergleichen Zeichen nur noch die Geschichte dieser momentanen Faszination erzählen kann – und wenn man sich endlich fremd geworden ist, braucht es nur die Stimme eines Menschen, damit sich eine Tür im eigenen Bewusstsein öffnet und man feststellt, dass alles, was einen ausmacht, in der Differenz zwischen dem eigenen Fremdsein und dem eigenen Namen liegt.