Bericht: Lesung im Spiegelzelt im Rahmen der Heidelberger Literaturtage 2017

Es riecht nach Holz, nach Wein, farbiges Licht tritt durch Kirchenfenster ein. Aber das ist keine Kirche, sondern das Spiegelzelt der Heidelberger Literaturtage. Erzählungen und Gedichte, Theater und Gespräche, Musik und Tanz, Workshops und Führungen haben Heidelberg, Unesco City of Literature seit 2014, literarisch bunt gemacht. Der Treffpunkt ist das Herz der Stadt, am Universitätsplatz, wo Autoren, Künstler, Verleger, Organisatoren und Literaturbegeisterte sich versammelt haben, um eine gemeinsame Sprache zu sprechen und zu hören: Literatur. Es ist Sonntagabend, 25. Juni, aber die Heidelberger gehen noch nicht nach Hause, denn die Literatur wartet auf sie. Nach vier kunstintensiven, literaturheißen Tagen schließen einige Mitglieder des Literaturkreises echolot. das Programm ab. Dennis Mizioch, Emma Wientapper, Laia Olive, Melanie Greiner, Manuel Ria, Seda Keskinkilic, Manuel Brenner und Şafak Sarıçiçek halten ihre selbstverfasste Texte in den Händen und im Kopf: bereit dafür, auf die Bühne zu treten.

Johannes S. Sistermanns (1955), kölnischer Komponist und Klangkünstler, ruft die Gruppe auf die Bühne. Jule, Keskinkilic und Mizioch erzählen dem Publikum, wer die echoloten sind. Dennis Mizioch (1992) eröffnet die Late-Night- und Abschlussveranstaltung der Literaturtage mit einer Kurzerzählung, die aus einem Aufenthalt in der Türkei entstanden ist. Emma Wientapper (1996) traut sich mit zwei Gedichten über das heutige, pulsierende Leben und „Das erste Wort/Und das wichtigste“, das zwei Flüchtlinge, die sie kennengelernt hat, gelernt haben: „Zusammen“. Spanisch hat zwischen den echoloten eine Stimme, heute mit einem Gedicht von der aus Barcelona stammenden Laia Olive (1993), die in einem bekannten poema von Federico García Lorca einen Weg zu neuen Bedeutungen mit eigenen Wörtern gefunden hat. Dann kommt wieder Deutsch in Form eines gespiegelten Gedichts. Melanie Greiner (1988) übernimmt die Lesung mit vier kurzen Texten, vier intensiven Gedanken über die Großstadtfremde angesichts der Natur, den Moment, der verschwindet, und das moderne Ende des Lebens: Alter, Krankheit und Einsamkeit im Seniorendomizil (oder Kindergarten? oder Irrenhaus?). Manuel Ria (1992) bringt Musik auf die Bühne: Gitarre, Klavier und Stimme in Einklang mit selbstgeschriebenen Liedern, die er alleine und mithilfe des Publikums singt. Nach dem musikalischen Snack ist es wieder Zeit für die Prosa, diesmal mit einem Auszug des Romans von Seda Keskinkilic (1992), der in Berlin stattfindet und um Liebe, Lieblosigkeit und Sex geht; ein Dreieck, das nicht lange bestehen kann. Liebesgeschichten, die wie der Rauch eine Zigarette am Balkon sind (leicht, weg, wenn der Feuer erlischt); darüber will den Zuhörern Manuel Brenner (1995) erläutern. Şafak Sarıçiçek (1992) bietet eine feine Gedichtprobe aus seinem poetischen Debüt, Spurensuche (Elif Verlag, 2017), das mit Wörtern Bilder aus dem Alltag und den außergewöhnlichen Tagen erschafft. Und Lauritz Müller (1992), literarischer Gast aus München, schließt die Lesung und somit die Literaturtage mit Gedichten über die Natur im Verdacht im argentinischen Vorort.

Johannes S. Sistermanns kommt wieder auf die Bühne, bedankt sich für den Beitrag und ermuntert die jungen Schreibenden des Literaturkreises dazu, weiter zu schreiben, weiter aufzutreten. Gemeinsam mit Dr. Andrea Edel (1963), Kulturamtsleiterin der Stadt, und den anderen Organisatoren verabschiedet er zunächst die Heidelberger Literaturtage 2017 mit heißestem Erfolg und Begeisterung. Aber die Literatur verabschiedet sich nie und wir, die echoloten, freuen uns immer wieder darauf, sie zu begrüßen.

 

Laia Olive, Juli 2017

 

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