Rezension: Gegenwärtig der Vergangenheit hinterher

Spurensuche – so nennt sich Şafak Sarıçiçeks lyrisches Debüt, das Anfang März 2017 im Elif-Verlag erschienen ist. Der Titel impliziert bereits Sarıçiçeks Herangehensweise an literarische Themen: das Ineinanderschieben multipler Raum-, Sprach- und Bildebenen, deren Relief sich alles andere als glatt oder gar geschmeidig anfühlt. Wo Spuren sind, hat eine Zustandsänderung stattgefunden, welche auch immer. Wer aber nach Spuren sucht, beschäftigt sich nur nebensächlich mit diesen vergangenen Zuständen – viel interessanter für den Spurensucher ist die Gegenwart, die aus ihnen entstanden ist, so lange und so umfassend wahrzunehmen, bis er der Vergangenheit selbst auf die Schliche kommt. Der Wunsch, den Moment in all seinen Einzelteilen aber nicht nur wahr-, sondern auch aufzunehmen, zu verinnerlichen, wird in Sarıçiçeks Lyrik häufiger geäußert und ist programmatisch für seine Arbeit.

gedanke: nicht mehr zuzuhören, sondern zu atmen, alles
einzuatmen, den duft von honigkuchen, hummeln, traktoröl und fliedern,
(S. 12)

 

Glatte Chronotopoi gibt es bei Sarıçiçek nicht. Im einen Moment betrachtet man noch einen in der Dusche sitzenden Menschen, spürt die Resonanz der Wassertropfen in dessen Ohrmuschel, und ohne Vorwarnung befindet man sich plötzlich im „wie eine hoffende Frage expandier[enden] Universum“ (S. 30). Derartige Schnittkanten überraschen, und es ist nur gut, dass man sich an ihnen stößt. Der Putschversuch des türkischen Militärs wird zeitlich mit einem Fernsehkrimi synchronisiert, in die Gegenwart eines Olivenhains brechen „dschinne und kobolde“ aus „den gerüchten älterer kinder“ (S. 71) ein. „Mit dem finger male ich eine tür an die wand“ (S. 115) expliziert ontologische Sachverhalte, die in Sarıçiçeks Lyrik ebenfalls eine große Rolle spielen.

Die Illustrationen von Sven Kalb spiegeln die ästhetische Wirkung der Gedichte sehr gut wider. Mit Bleistift, Graphit und Ölfarben werden rohe Formen angedeutet, die teils sehr deutlich werden, mit anderen Gebilden verwachsen, bis nur noch Schemen erkennbar sind, die immer wieder von harten Strichkanten durchbrochen werden. Auf diese Weise ergänzen sie Sarıçiçeks Gedichte optimal, ohne dabei redundant oder störend zu wirken.

In fünf Teilen konstituiert sich Spurensuche als vielversprechendes Debüt, das in Teilen an Brinkmann erinnert und sich somit in die Riege der Neuen Subjektivität einordnen lässt. Von Kurzzeilern bis Langgedichten, die immer wieder aus der Form brechen, bietet Sarıçiçek ein breites Spektrum lyrischen Potenzials und beweist stets aufs Neue seine Vielseitigkeit. Die plötzlichen Bild- und Tonwechsel bereiten Spaß, und entfalten – so widersinnig sie zunächst erscheinen mögen – im Nachgang eine unbestechliche Logik. Wie das bei identifizierten Spuren nun mal so ist.

 

hier, in der türkei,

ist der ausnahmezustand ausgerufen,

drüben, in deutschland,

schießen drei männer um sich im olympiaeinkaufszentrum,

der juni ist der heißeste

seit jahrhunderten gewesen: es herrschen ausnahmezustände

und wir machen den fernseher aus.

heute ist es Freitag, die dorfjugend fährt zu zweit und dritt auf

rat ! tat !

tat!

knatternden

und hin und wieder wie hornissen dröhnenden motorrädern,

um halb elf ein gendarmerieauto mit blaulicht, ein wenig verloren,

auf der straße, in richtung dalyan:

normalzustände.

die kinder neben der straße streiten sich unbekümmert,

eins wirft mit seiner sandale nach einem dickeren, bei

sonnenuntergang hatten sie ein strandfeuer gemacht und

knoblauchwurst in die offenen flammen gehalten und das

halbrohe fleisch, unbekümmert, gegessen und jetzt balgen

sie sich: sie wissen nicht was zustände sind, sie spielen räuber

und gendarm, sie legen ihr feuer am strand.

(S. 84)

Dennis Mizioch

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