Neujahrstraurigkeit

In den Tagen zwischen Silvester und Geburtstag fällt die Traurigkeit auf mich wie eines dieser monströsen Gänsefederdeckbetten meiner Großmutter. Mächtig, prall, undurchdringlich, verschlingend, schwer und bittereiseskalt.

Eiskalt damals: weil die Schlafzimmer im Haus nicht geheizt wurden (und im Erzgebirge meint das dann locker mal Minusgrade im Zimmer) – und zudem die Vorkriegsgänsefedermonsterdeckbetten meiner Großmutter reichlich wenig mit moderner sibirischer Daune ala Billerbeck gemein hatten. Da brauchte es einen mittleren Atomreaktor um die Dinger warm zu bekommen.

Draußen fällt Schnee, manchmal zumindest, drinnen fällt gänsefederdeckenkalte Traurigkeit auf mich.

Warum ist schwer zu sagen – vielleicht weil Weihnachten mein Lieblingsfest ist und es so schnell vorüber, ich noch nicht bereit bin, mich wieder in Routine und Alltag und Hetz und Motz zu werfen. Vielleicht weil ich doppelten Jahreswechsel habe, wenn ich so nah an Silvester altere, vielleicht weil der Serotoninspiegel von den Lebkuchen, Stollen und Mixgetränken völlig aus dem Gleichgewicht ist. Vielleicht weil es dunkel ist und vielleicht weil das Leben eben anstrengend ist und ich gern noch liegen bleiben würde. Auf der Couch. Und es winterstill um mich sein sollte und warm und das Leben ein bisschen leichter, zumindest leichter als die Vorkriegsgänsefedermonsterdeckbetten meiner Großmutter.

Mein Herz ist schwer. Abgedroschen ist diese Traurigkeit also auch noch, aber wahr ist’s und wahr bleibt’s. Das Herz ein Klumpen Osmium, nur nicht so glänzend und der Schmelzpunkt stimmt nicht – und ich sollte aufhören, die Chemie zu verlitwurschteln. Guter Vorsatz und so.

Ich sollte so vieles, in diesen ersten Tagen des Jahres. Den Tannenbaum rauswerfen, z.B. Dem Kind erklären, dass Schule gar nicht so scheiße ist (soll heißen: das Kind überzeugender anlügen). Oder wenigstens die Nebenkostennachzahlung, die immer pünktlich zu Weihnachten kommt, überweisen. Außerdem sollte mir frohen Mutes Zeug vornehmen, was ich nicht einhalte.

Aber ich starre das neue Jahr an, feindlich gesonnen, puhle mir das Herz aus den Socken (runtergplumpst, weil es so schwer ist, Osmium taraa), erkläre meine Gleichnisse und kann nicht glauben, dass sich irgendwas je wieder gut und leicht anfühlen wird. Nicht die Arbeit, nicht Alltag, Staubsaugen nicht oder Rausgehen, Menschen sehen, Schreiben – Leben halt. Auf allem liegt ein bittereiskaltes Monster aus osmiumierten Gänsefedern (mit extra dicken Kielen, die sich durch den Überzug bohren und piken, wenn man draufrollt) und wie jedes Jahr wird keiner kommen, der es klaut. Obwohl Oma immer gesagt hat: lass die Deckbetten nicht unbeaufsichtigt zum Lüften im Garten hängen, die klaut noch einer.

Aber glaubt es mir: Nie. Niemals. Keinesfalls. Nicht mal im Erzgebirge.

Und an meinem Geburtstag werde ich traurig sein, mein Osmiumherz im Wägelchen hinter mir herziehen und dabei freundlich lächeln und reichlich Futter/Trank auftragen. Und dann wird’s irgendwann wieder.

So, gegen Juni. Wahrscheinlich.

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