Zuspruchsjunkie

Das Kind, als es noch ein richtiges Kind war, so mit Sabber statt Lippglos und Windeln am Po statt Julien-Bam-Dauerschleife im Kopp; das Kind war immer so: „Und Tschüss“.

Es war immer weg. Robbte oder tabberte sich in die Welt und die Herzen der Menschen, ohne sich auch nur einmal nach mir umzusehen. Es gab schon Gerüchte über mich. Diese merkwürdige Frau da, auf dem Spielplatz, die immer Berge von Papier dabei hat und da drin rumkritzelt, die hat doch gar kein Kind. Die kommt einfach so auf den Spielplatz.

Hin und wieder war ich etwas in Sorge, dass mein Kind mich so gar nicht brauchte – aber meine allerallerbeste L. sagte: „Ach Qutasch, Kinder mit starker, stabiler Bindung gehen immer locker in die Welt, denn die wissen ja, dass du da bist. Und sie fängst, tröstest, lobst. Die brauchen sich nicht alle 10 Sekunden rückversichern.“

Wäre das hier ein Elterforum, dann wäre jetzt schon Eskalation, weil alle Mütter, deren Kinder sich hin und wieder nach ihnen umdrehen, losrüllen würden, ihre Kinder hätten ja wohl auch ne feste Bindung und was mir einfallen würde … zum Glück aber schreiben mir hier nur ältere Herren zurück und keine Mütter.

Was ich aber sagen will: Jeder Jeck ist anders und jedes Kind auch. Ich erzähle nur Schwänke aus meiner Jungmutterzeit, und ich weiß auch,: nichts ist so simpel und so gerade. Sber mich hat das damals beruhigt, dass mein Kind von mir wegrennt, weil ich ne ganz gute Mutter bin – und nicht umgekehrt.

Wo war ich?

Es gibt Menschen, die können aus sich selbst heraus Welten erschaffen – und vielleicht gehört das Kind dazu, den Starrsinn hat es jedenfalls, genau wie sein Vater – und dann gibt es mich, die wie so ein Bordercollie auf nächste Bällchen und das nächste Häppchen abgerichtet ist.

Ich bin ein Zuspruchsjunkie. Immer auf der Jagd nach Rückmeldung – das muss nicht mal Bestätigung sein, mit Kritik kann ich eh besser. Das kenn ich von kleinauf, das gibt mir das vertraute Gefühl gegen den Strom zu schwimmen – und vielleicht ist das auch der einzige Grund, warum ich nicht mehr schreibe.

Vor ein paar Tagen hat mich jemand gefragt, was ich denn wolle – einen Bestseller oder wie? Und ich habe versucht, zu erklären, dass, was mich eigentlich umtreibt, viel mehr eine Gemeinschaft ist. Und dann hab ich mich hoffnungslos in dem Versuch einer Vermittlung dessen verfangen, was ich meine zu brauchen und meine zu bauen und meine zu wollen.

Wahrscheinlich ist es ganz simpel: Rückmeldung. Ein Kreis von Menschen, Schreibenden, die Anteil nehmen, die hauen und stechen und rufen und führen und fordern und begrenzen. Das meint nicht Lob und nicht Betüdeln und Beweihräuchern. Das meint auch nicht, gemeinsame Marketingaktionen – wobei ich auch das nicht ausschließen will, wenn es sich ergibt, von mir aus, aber es ist eben nicht das Ziel. Oder der Grund.

Der Grund ist einfach, Teil von etwas zu sein, hin und wieder gegen jemanden zu stoßen um sich selbst fühlen zu können.

Wenn man schwankenden Schrittes in die Welt des Erzählens hinausgeht, sich umdrehen können und am Rockzipfel festkrallen. So ungefähr.

Vielleicht sind oder waren große Verlage und große Verleger genau das für ihre Autoren. Vielleicht wollen oder können Autoren das nicht für andere sein – weshalb man als Autor eben doch unter die Fittiche eines Verlages kriechen muss, wenn man zu denen gehört, die ihre Dosis Anteilnahme regelmäßig brauchen. Vielleicht suche ich mir die falschen Menschen aus, weil ich meine Sucht nach Zuwendung ja auch daher kommt, dass ich weitgehend ohne Aufmerksamkeit – mal abgesehen von tiefer Enttäuschung – aufgewachsen bin. Und man stellt sich die vertraute Hölle immer wieder selbst her, sagt der Psychologe.

Da nun mein Leben gerade wieder durcheinander geworfen wird* – und mein Plan, mich der Veranstaltungsindustrie zu verschreiben und mir darüber meine Rückmeldungsdroge und Zuspruchstripps zu sichern, direkt mal mit einem breiten Grinsen vom Lieben Gott gelöscht wurden – muss ich mich vielleicht doch noch fragen, was aus mir werden soll, wenn ich mal groß bin.

 

*erzähle ich, wenn es spruchreif ist und offiziell usw. usf.

 

 

3 Comments

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3 Responses to Zuspruchsjunkie

  1. Das kommt nun besonders kälberig daher, liebe Sylvie! So mühe ich mich, von der männlich-weiblich-Schiene der Unübersetzbarkeit abzuheben, statt einfach aufzuzeigen:
    (Weibliches) Problem verebbt gegenüber (männlicher) Lösung, doch es fruchtet nicht. Wozu also weiter quasseln?
    Als schriftlicher Sugar-Daddy kann ich mich nämlich über das Grinsen inniger Pärchen hinweg setzen und Weisheit vorgaukeln.
    Alle, die schon mal im Kino waren oder in eine Soapie-Serie geguckt haben, wissen um den Wert verreister Ehemänner: keinen Schuss Pulver! So, what? They ever come back.
    Nicht viel anders würde ich die Entwicklung eines Pubertiers sehen; sie folgt dem Cocktail aus Botenstoffen und Signalen des Umfelds; sinnlos teuer zwar, aber ein Taschengeldkonto hat harte Grenzen.
    Den Stellenwert einer Katastrophe hingegen räume ich jedem Umzug bei. Spätestens nach dem dritten ist man so gut wie ausgebombt und seelisch Asyl suchend.
    Falls Deine Anschrift wechselt, lass es mich wissen. Künftig bin ich öfter in Berlin.
    Dein älterer Herr, Lupo.

  2. Dat Brummersche. Da nölt es, sich vom Schreiben geschieden zu haben, und bloggt sich seither die Finger wund … ganz wie sich für trocken haltende Säufer, die auf alkoholfreies Bier umsatteln.
    Jaja, sie wird dich schon wieder packen, die Erzählsucht. Einfach wegen der Story, die raus will, und nicht um der Leser oder der kreativen Schreibgemeinschaft oder der Kunst willen. Sucht schert sich nicht um die Schöngeistigkeit, Sucht ist dreckig. Und alkoholfrei glaubt man dir eh nicht 😛

  3. Waldschrat!

    Dich gibt es noch? Glückwunsch zur 3. Auflage!
    –> https://www.amazon.de/Ein-Blockhaus-Einsamkeit-Kanadas-Lebensweg/dp/3944921143/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1507802292&sr=8-1&keywords=ein+blockhaus+in+der+einsamkeit

    Und du weißt doch genau, dass Tagebuch vollsudeln und schreiben nicht das gleich ist. 😛

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