Übrigens: wir sind ‚die‘

Einer der großen Vorteile, wenn man nicht mehr schreibt: man hört auf Leuten permanent Zeug zu erzählen, das sie nicht hören wollen.

Und – als Bonus – es kann einem egal sein, ob man verstanden wird. Meistens jedenfalls. Gut, klar, hin und wieder wäre es schon praktisch, wenn der Klassenlehrer wüsste, worauf man hinauswill, oder wenn es gelänge, die Hausverwaltung für die Rechtslage zu interessieren, oder wenn ein Autor seine Biographie schickt, einfach nur, weil man ihn drum gebeten hat, die Biografie zu schicken.

Aber mal abgesehen davon: die Schnauze zu halten ist extrem erholsam und befreiend. Und ganz sicher mögen einen die Leute auch viel mehr, wenn man nicht ständig mit Welterfassungsliteratur um die Ecke kommt.

So.

Blöderweise bin ich Sachse, gebürtiger, und meine Landsleute haben gewählt.

Damit bleibt mir nichts anderes übrigen, als zu den Schwur zu brechen, die Tastatur zu entfusseln und zu schreiben.

*

Man hört: Die AfD-Anhänger seien Nazis.

Nun, manche vielleicht, aber an sich tut es dem Nationalsozialismus unrecht, ihn mit der AfD in eine Reihe zu stellen. Der Nationalsozialismus hatte eine Vision von einer Gesellschaft. Eine für humanistisch, freiheitlich denkende Menschen erschreckende, unmenschliche Vision, aber eine Vision. Der Staat war wichtiger als der Einzelne, es ging um Volk, um Rasse, um eine neue Form der Gesellschaft.

Das Denken der AfD dagegen ist strickt auf den Einzelnen fokusiert. Wie ich schon einmal sagte, das Credo ist ein rein negierendes und es lautet: Mit mir nicht. (Oder im O-Ton: Mid mr nüsch.)

Gauland, nach seiner Politik befragt, sagte: erstmal abwarten, was die anderen machen, damit wir wissen, wo wir dann dagegen sind.

Neben dem Egoismus des Einzelnen – und einem Demokratieverständnis, das besagt, Demokratie meine, das nichts geschehen darf, was ich nicht will, weil ich bin ja das Volk* – weht der Geist des Kleingärtners: Heckenhöhe begrenzen, 30 % Gemüseanbau und kein Unkraut. Wenn man einen Sachsen je das Wort ‚liederlich‘ hat ausspucken hören, weiß man, was der AfD-Anhänger fürchtet.

Nämlich a) es könnte jemand mehr haben als er und b) es könnte jemand besser sein.

Dabei spielt es überhaupt nicht die Rolle, wie voll der eigene Teller ist. Gleichheit heißt, niemand hebe sich heraus. Der AfDler misstraut nicht nur dem Fremden, er misstraut auch dem Kreativen, dem Gebildeten und dem Intelligenten. Gleich heißt, macht sie alle einen Kopf kürzer, damit ich mir groß vorkomme.

Die Lösung aller Probleme: ‚die‘ bekommen nichts, wir behalten alles selbst. Aktuell sind ‚die‘ natürlich diese ‚Flüchtlinge‘. Aber wenn die alle weg sind, dann finden sich die nächsten. Die Hartzer, die Künstler, die Drogenabhängigen, die … – denn die Lösung  (für durchaus bestehende Probleme) liegt nicht im eigenen Handeln. Niemals. Denn man selbst macht alles richtig. Mehr kann man ja gar nicht! Und wo man bisschen beschupst, also vielleicht was von Steuer absetzt, was man nicht dürfte, oder seine Gartenabfälle in den Wald schmeißt oderoderoder – das äh, das gehört so. Das machen ja alle.

Man fühlt sich gegängelt, wo immer Eigenverantwortung und Veränderung verlangt wird. Bevormundet. Zurechtgewiesen.

Mit Realität hat das wenig zu tun – realistisch betrachtet bekommt ein Haufen Ex-DDR-Bürger inzwischen eine Rente aus den Kassen eines Landes, in dem sie genau genommen nicht gearbeitet haben. Zumindest nicht ihr gesamtes Leben. Und noch immer ist die Aufregung groß, dass z.B. Betriebsrenten aus DDR-Betrieben nicht anerkannt werden.

Ich bin mal böse: aber man stelle sich vor, der gemeine Flüchtling kommt an, und bringt seine Rentenbescheide mit und sagt: hier, ich ab da 25 Jahre gearbeitet, ich habe eine Leistung erbracht, ich hätte das jetzt gern … ich kann ja nichts dafür, dass mein Land … ich hab gearbeitet.

Das kann man nicht vergleichen, weil die DDR ja nicht Rumänien, Syrien oder Kongo ist? Nun … mag sein.

Aber vielleicht kommt diese Angst davor, dass ‚die‘ alle kommen und uns Sozialkassen leerfressen, schlicht auch daher, dass es die eigene Gier ist, die man dem anderen zutraut.

Wir sind die.

Wir sind die, die sich nicht um die Kultur, die Sorgen und Ängste der anderen scheren – wir sind die, die respektlos und egoistisch sind. Wir sind die, die glauben, unser gutes Leben stünde uns zu – und anderen nicht.

Nein, der Flüchtling (allein schon diese Gruppenzuschreibung ist ein Absurdum und ich möchte das bitte mit zynischem Unterton gelesen wissen) – der Flüchtling ist nicht der bessere Mensch. Oder ein guter Mensch. Er ist einfach nur ein Mensch.

Aber was die AfD fürchtet, ist der eigene Geist. Nicht der, den die Fremden mitbringen.

*

Interessant ist, dass die Linke keine Antworten hat – obwohl sie, wäre die AfD eine rechte Partei und wären es Nazis, der natürliche Feind sein sollte. Doch die Argumentation der Linken ist ebenfalls eine rein negierende, ein reines ‚Dagegen‘. Nichts mehr mit neuer Gesellschaftsordnung, nein, die einzige Antwort der Linke auf alle Fragen der Zeit ist: ‚die‘

In dem Falle nicht ‚die Flüchtlinge‘ (wobei man auch schon drauf gekommen ist, dass es gar nicht so einfach ist, mit denen, und das mit den Proletariern ALLER Länder, huiuiui) – es sind ‚die Reichen‘, die hier das Lösungsproblem darstellen. Wenn man denen alles wegnimmt, dann – holla – läuft’s. Rente, Pflege, Krankenkasse, Kinderbetreuung, Umweltschutz.

‚Die‘ Reichen haben übrigens auch Parallelen zu dem Menschenkreis, dem die AfD misstraut – hohe Bildung, Eigenständigkeit, Kreativität, Unangepasstheit, stehen aus der Masse raus …

Die Argumentation der Linken ist die gleiche wie der AfD: Wenn wir ‚die‘ nur erst los sind, dann …

Nichts eigenes machen, nur ‚die‘ ausschalten – weil wir machen ja schon alles richtig. Wenn nur ‚die‘ nicht wären.

Das wirklich Blöde ist: Global gesehen, sind wir – die.

Wir sind die Reichen dieser Welt. Wir sind es, die die Ressourchen dieser Erde verschlingen, unseren Müll in Afrika entsorgen, um ein paar Euro zu sparen, unsere Kleidung von Kindern nähen lassen, billiges Ost und Gemüse aus Monokulturen verdrücken – wir sind die.

Und ich weiß gar nicht, was uns darauf bringt, zu glauben, der Rest der Menschen würde sich schweigend und demütig in sein Elend fügen, nur damit wir weiterhin die Jeans für 4 Euro im Kik und Billigeierkocher aus dem Mediamarkt kaufen können.

 

All das, wovor wir uns fürchten, was wir verachten, was wir den anderen vorwerfen – all das, sind wir selbst. Wir sind nicht die Guten. Wir sind die.

 

 

 

 

 

 

*auch wenn man nur 13 % vom Volk ist, aber Tatsachen ändern nichts am Gefühl

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One Response to Übrigens: wir sind ‚die‘

  1. Unbetrachtet der Grautöne zwischen Schwarz und Weiß hast Du, liebe Sylvie, auch mich getroffen als Angehöriger von verschiedenen „die“-Gruppen, als da waren:
    „Die“ Jugend von heute,
    „Die“ Männer,
    „Die“ Studenten,
    „Die“ Lehrer,
    „Die“ Zahnärzte,
    „Die“ Kleingärtner …
    Alle diese „die“s in Gattungen zu bündeln, erscheint mir ein ebenso schwieriges Unterfangen, wie seinerzeit Linné es in seiner Ordnung der Lebewesen angegangen ist.
    Doch um Vereinfachung wird wohl niemand herum kommen, wenn es das Ziel ist, über Verständigung zum Einvernehmen zu gelangen.
    Verzeiht (Du und etwaige Mitleser) mir daher eine Verpackung der Gruppe von Politikern, „die“ als Abgeordnete für jeden sichtbar den Bundestag überfüllen.
    Seit Jahrzehnten frage ich (mich und Psychologen), wie „die“ ticken, um ihren Beruf (meistens Jurist) hintan, sich vor aller Welt öffentlich dar zu stellen, sich der Kritik auszusetzen und die Belastung ihrer privaten Beziehungen zu ertragen.
    Trüge man mir ein solches Amt an, reagierte ich mit der Abwägung, wie hoch die Entschädigung sein müsste: Sie würde glatt den Militärhaushalt sprengen.
    Offensichtlich aber geben sich „die“ Minister mit weniger zufrieden. Welche Vorteile also genießen sie über ihre Diäten hinaus? Und wovon zehren Abgeordnete? Honi soit qui mal y pense.
    Im übrigen halte ich es für müßig, Ideologien zu bewerten, es sei denn, jemand bezahlte mich dafür, und zwar reichlich, s.o.
    Freundlich, Lupo.
    P.S. Noch nie habe ich auf Anschreiben des für mich zuständigen Abgeordneten eine andere Antwort erhalten, als allgemein gehaltene Textbausteine. Wenig effizienter waren Leserbriefe.

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