Zwischen Gedankenstrichen

Meine Neuseeland-Reise

Das Debüt

Lange war es still um mich, nun werde ich diese Seite zu einem Literaturblog umstrukturieren, in den einfach reinkommt, was mir so einfällt, vor allem aber natürlich Lesungstermine und Publikationen.
2016 wird aufregend für mich, denn der Leipziger Verlag poetenladen hat mir seine Zusage für mein Debüt gegeben. Im Sommer oder Herbst wird es dann soweit sein: Ich werde das Produkt meines bisherigen Schaffens in den Händen halten, ein Best-Of sozusagen. Im März wird es auf der Buchmesse in Leipzig erste Lesungen geben, dann sind bereits Darmstadt und Frankfurt geplant und nebenbei gibt es noch ein Referendariat zu bewältigen.

Jedenfalls: Seid gespannt!

Viele Grüße
David 🙂

neuseeland (III)

restsignale

ich sah den fernschreiber der toten
auf taveuni island: ein blühender zweig
schwankte als schreibnadel über dem fluss
der vorüberrauschte wie leeres papier.
lange war ich gereist bis ich hier war
wo ich den kava der fremden trank.
weit war ich ins meer gefahren
bis in der müdigkeit mehr und mehr
der bootsverkehr verschwand
bis ich die briefe durch segel ersetzte
weil ich nur durch schweigen
weiter reisen konnte.

neuseeland (II)

was das meer war

es war das meer bei piha beach
wo ich die strömung spürte
wo die wellen stiegen und brachen
als kämen sehnsucht und glück von hier.
die surfer waren unsere götter. sie konnten
aus sekunden eine ewigkeit schaffen
und ohne schwerkraft die balance halten.
eine welle brach: aufgeworfenes wasser:
ein zerwühltes bett in deutschland
zwei warme körper im dunkeln
denen die sonne am morgen
eine gestalt gab aus licht. ich sah dich
verpixelt auf dem laptop jenseits
des meeres. wir sprachen davon
wie wellen brechen und liebten
in wirklichkeit die strömung
in der die surfer auf den brettern lagen
sich wie erwachende erhoben.
sie dehnten die zeit in der dünung der welle
und zeichneten linien ins wasser.

neuseeland

grenzen

ich sah die fallschirmspringer morgens
am lake taupo zu beginn meiner reise
und ich fragte mich wo der punkt war
an dem ihr fallen zu schweben wurde.
in den mittelstreifen der highways sah ich
gedankenstriche. es gab diese grenze
wo ich nicht mehr weiterkam
weil ich in die erinnerung reiste.
ich versuchte den punkt zu bestimmen
an dem eine reise in mich selbst führt
und hörte auf mich zu erinnern.
ich kehrte zurück von den reisen
und die dinge erschienen mir fremd
in ihrer vertrautheit: die routen
durch meine stadt; der weg
durch mein dunkles haus bei nacht;
lange gespräche mit freunden.
ich möchte die vertrauten dinge verlieren
wie notizen über sie im herbstlaub.
und es schmerzt nichts bewusst verlieren
sondern nur zurücklassen zu können.
was mir bleibt ist die hoffnung
irgendwann so stark zu träumen
und zu schreiben dass sie verschwinden.
du aber warst mir vertraut in der fremdheit
deiner lippen als ich sie küsste
unter uns eine picknickdecke
wie eine landkarte und ich fühlte
wie falsch es war auf diese weise zu lieben
wie unmöglich leben geworden war
da ich die grenzen nicht kannte
zwischen fallen und schweben
zwischen reisen und erinnern
zwischen einem land und einem körper.
und ich dachte noch einmal an den norden
neuseelands wo sich die meere berühren.

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Über die Zeit (II) – Die ersten Wochen in Neuseeland

Bei Piha Beach nahe Auckland sah ich ein Kind, das mit seiner Mutter aus einem Bilderbuch die Uhr lernte. Ich erinnerte mich an einen Tag im Kindergarten, als ich ebenfalls die Uhr beigebracht bekam und sie anfangs nicht verstand. So verbrachte ich mit meiner Oma einige Stunden des Abends damit, zu lernen, was die Striche und die drei Zeiger auf dem Ziffernblatt mit der Zeit zu tun haben. Sie zeigte mir sogar eine zersprungene Taschenuhr und erklärte mir den Zusammenhang zwischen der Zeit und den Zahnrädchen und Federn. Damals musste ich wohl gedacht haben, ich lerne nicht nur das Lesen von Ziffern, sondern das Wesen der Zeit an sich. Irgendwo im Himmel, glaubte ich, so weit entfernt, dass man es nicht mehr erkennen konnte, war ein riesiges Uhrwerk aufgebaut, das die Flüsse, die Ozeane, den Wind und die Planeten bewegte, während die Uhren auf der Erde, seien es jene an den Kirchtürmen, in den Manteltaschen oder am Handgelenk, die kleineren Verläufe bestimmten.
Als meine Oma letztes Jahr starb, interessierte ich mich das erste Mal seit langem wieder für die Zeit. Mir wurde abermals bewusst, wie viele Dinge es gibt, die sich nicht erklären lassen; und so kaufte ich mir Stephen Hawkins Buch „Eine kurze Geschichte der Zeit“. Es schien mir ein guter Einstieg in dieses Mysterium zu sein. Zunächst jedoch lernte ich nichts über die Zeit, sondern über den Raum. Ich lernte, dass es keinen absoluten Raum gibt, von dem aus betrachtet alle Aussagen, die wir über das Universum machen, korrekt sind. Ich stellte mir vor, wie meine Oma in einen Zug stieg, auf zu ihrer ersten und letzten langen Reise seit etlichen Jahren. Ich stellte mir vor, wie sie in einem dieser gemütlichen Abteile in der ersten Klasse saß. Vielleicht fuhr ein Getränkewagen vorbei und sie konnte sich einen Weißwein mit Limonade bestellen, was ich immer etwas eklig fand. Sie würde aus dem Fenster hinausblicken und nicht das Gefühl haben, dass sie sich fortbewegt. Sie säße ja still auf ihrem Platz. Wohl aber sähe sie, wie ich mich weiter und weiter entferne. Mir erschiene es ebenfalls nicht so, als bewegte ich mich, sondern ich sähe, wie meine Oma sich mit dem Zug mehr und mehr von mir entfernte, bis sie hinter dem Horizont verschwunden wäre. Macht man sich klar, dass es keinen absoluten Raum gibt, kommt man sich einsam vor und es dauert eine Weile, bis man den Gedanken wieder verdrängt hat.
Das, was die größte Macht besitzt, diesen Gedanken und die damit einhergehende Einsamkeit aufzuheben, ist für mich die Liebe. So war es in der ersten Nacht, die ich mit meiner Freundin verbrachte. Wir waren zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt, nämlich bei meiner Abschiedsparty, zusammengekommen, nachdem wir uns zuvor nur aus einem Forum für Schriftsteller gekannt hatten. Wie wir beide im Dunkeln lagen, eng umschlungen, und wie wir einander wiedersahen, als der Morgen den Schlafraum in hellblaues Licht tauchte, hatte ich alles, was ich zuvor gelesen hatte, vergessen. Da war er, der absolute Raum, der eine Blick den wir teilten.
Mit der Zeit verhält es sich komplizierter. Ich möchte nicht in die Physik abschweifen, das können andere besser. Aber zu der Zeit, wie ich sie empfinde, weiß ich etwas zu sagen. Sie wird mir vor allem bewusst, wenn ich in ferne Länder reise, bei Flügen Richtung Westen oder – seltener, wie nun- Richtung Osten. Nicht nur der Körper befindet sich in der Schwebe, sondern auch der Verstand. Die Uhr, die ich mit meiner Oma so mühsam erlernt hatte, funktionierte hier nicht mehr. Für einen Menschen, der es gewohnt ist, Tag für Tag nach der Uhr zu leben, ist es ein seltsames, aber auch befreiendes Gefühl, wenn die Zeit weit oberhalb der Erde aufgelöst ist, wenn sowieso alle Zeichen und Systeme, die wir uns schaffen, in Wolken aufgelöst erscheinen, die Zeit, die Grenzen der Länder, und man schaut hinaus in diese endlose weiße Wüste.

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Als ich mittags in Auckland ankam, fühlte ich mich wie durch eine Glasscheibe getrennt von den anderen Menschen. Während in ihrem Inneren Tag war, war es in meinem Inneren Nacht. Mein Körper musste erst eingebunden werden in die neue Zeit. Anderthalb Tage über den Wolken und man hat alle Zusammenhänge, in denen man sicher lebte, hinter sich gelassen. Man ist in einem Zustand, als wäre man gerade erst geboren worden und wüsste noch nicht, wie man sich auf dieser Welt zu bewegen hat.
Ich schirmte meine Augen ab gegen die gleißende Sonne. Neuseeland liegt unter einem Ozonloch, weshalb 20° Grad einem wie 30° Grad vorkommen. Die anderen Backpacker und ich wurden mit einem Bus abgeholt, in dem ein Neuseeländer uns ein wenig über Auckland erzählte. So wurden wir unter anderem schon mal darauf Aufmerksam gemacht, wo sich das Rotlichtviertel befindet, worüber sich einige meiner Mitreisenden riesig freuten. Außerdem informierte er einen der Reisenden, der bereits zittrig schien, wie viel man hier für Gras bezahlen musste, wo man es bekam, und schob hinterher, dass das auch hier verboten sei und er das alles nur zufällig wüsste. Über das Aussehen der Stadt gibt es nicht viel zu sagen, denn sie erinnert an viele andere westliche Großstädte. Auffällig ist die kulturelle Vielfalt. Während es in Deutschland oft Parallelgesellschaften mit eigenen Stadtvierteln gibt, sieht man in Auckland wie selbstverständlich Pärchen von Asiaten und Neuseeländern, Arabern und Asiaten … sowieso gibt es hier auffällig viele Asiaten, wie ich auf meinem ersten Stadtrundgang bemerkte. Die Queenstreet, die Hauptstraße Aucklands erinnert in ihrem oberen Abschnitt an Chinatown. Aus den kleinen Restaurants, deren Speisekarten bebildert sind, strömt einem der Geruch von Sushi und Fett entgegen, Backpacker versuchen vergeblich mit Metallstäbchen Nudeln aus großen Schüsseln zu fischen, bis sie resignieren und sich Gabeln bestellen. Es ist günstig, hier zu essen. Für die kommenden Tage sollte Sushi mein Hauptabendessen werden, wenngleich ich auch die Möglichkeit gehabt hätte, in der Küche des Hostels zu kochen. Wenn man sich allerdings ansieht, welche Menüs sich die Asiaten jeden Tag sogar schon zum Frühstück zaubern, bekommt man Minderwertigkeitskomplexe. Doch das war selbstverständlich nicht der einzige Grund. Ich war auch einfach zu faul. Und günstiger als bei den japanischen Restaurants wäre ich ohnehin nicht weggekommen.

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Mit Hostels verbindet mich eine Hassliebe. Einerseits finde ich sie praktisch, weil sie vergleichsweise günstig sind und meistens im Stadtzentrum liegen (so auch dieses). Andererseits lege ich inzwischen Wert auf Privatsphäre, wohne nicht gerne mit sieben anderen mir fremden Leuten in einem Raum. Man muss ständig darüber nachdenken, wie man seinen Kram so ordnet, dass sich keiner gestört fühlt, und muss wichtige Dinge in einen Safe schließen, damit sie niemand aus dem Rucksack klaut. Und natürlich ist es viel bequemer im Hotel einen Gepäckmann zu haben, der einem den schweren Kram gegen Trinkgeld trägt, wenn man den Raum wechseln muss. Dennoch hatte das Hostel, in dem ich wohnte, im Gegensatz zu anderen Hostels seine Vorzüge. So kann man hier seine Kleidung waschen, was recht abenteuerlich ist. Es gibt nur die Stufen kalt, mittel und warm. Man braucht etwas Glück und darf nicht zu perfektionistisch sein. Aber mal ehrlich: Wen interessiert es, ob meine Unterhosen und Unterhemden weiß oder grau sind? So viel zu Alltags-Trivia.
Was die Stimmung betrifft, wird Freiheit hier nicht nur gelebt, sondern nahezu zelebriert. Abends huschen viele Backpacker in einen der grell erleuchteten, von Chill-Out-Musik durchströmten Kleidungsläden und kaufen sich T-Shirts, mit denen sie der Welt zeigen, dass sie frei sind. Auf Waiheke-Island, einer Insel, die Auckland vorgelagert ist, fielen mir die Massen an Segelbooten auf. Alle Menschen, die hier leben, sind auf ihre Weise Segler. Zunächst, weil alle frei erscheinen. Sie landen dort, wo der Wind sie hintreibt. Dementsprechend unmöglich war es, jemanden zu finden, der Couchsurfing anbietet. Sie waren schlichtweg alle woanders unterwegs. Viele Menschen reden laut, als seien sie es gewohnt, gegen Wind anzuschreien, ihre Worte sind rau und fließen ineinander, weshalb „Pardon?“ wohl zu den Top 10 meiner am Häufigsten benutzen Wörter in den ersten Tagen gehörte. In der Sprache mancher Einheimischer hörte ich sogar etwas von den Erdbeben heraus. Ich erlebte bislang noch keines, aber sie sollen wohl Alltag sein. Auf Waiheke-Island fallen vor allem die Weingüter auf. Wo auch immer man aus dem Bus aussteigt, hat man die Möglichkeit, zu einer weiteren Weinprobe zu gehen. Ich begnügte mich mit einer und verbrachte den Tag ansonsten am Strand, sah die Segelboote an und wünschte mir, mal ein Gedicht, vielleicht für meine Freundin, auf eines der Segel zu schreiben und das Boot in die Ferne fahren zu lassen.

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Palmenbild

Den besten Tag erlebte ich bislang bei Piha Beach. Dieser liegt in einem Naturschutzgebiet, 40 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, und es dauerte drei Stunden, bis ich dort war. In den Ostertagen fuhren keine Züge und so musste ich mehrere Busse nehmen, um Auckland verlassen zu können. Es war dennoch schön, zu beobachten, wie die Besiedlung mit jedem Kilometer weniger wurde, bis ich irgendwann die Grenze des Naturschutzgebietes erreichte, einen dichten, unberührten Wald, der sich über eine Berglandschaft verteilte. Es fuhr kein Bus in dieses Gebiet, weshalb ich ein Taxi nehmen musste. Der Fahrer versprach mir, dass es zwanzig Dollar kostet. Am Ende waren es sechzig. Doch angesichts des Panoramas vergaß ich vollkommen, darüber wütend zu sein. Der Strand erstreckte sich schwarz, aber glitzernd, vor mir aus (er war vulkanischen Ursprungs), so breit, dass ich eine oder zwei Minuten brauchte, um über ihn zum Meer zu gelangen. Der Stand war umrandet von zerklüfteter Küste, durchbrochen von Hügeln, auf die einige Menschen über kleine Wanderwege stiegen und darüber unbewegt die Wolken. Endlich bekam ich einen ersten Eindruck von dem Paradies, derentwegen ich nach Neuseeland gekommen war. Die Strömung im Meer zerrte so stark an mir, dass meine Füße sich von selbst in den Sand gruben. Es war eine Naturgewalt, die an Liebe erinnerte, auch wenn das furchtbar kitschig klingt. Strömung und Wellen, Sehnsucht und Erlösung. Und wie ich die Surfer beobachtete, fragte ich mich, wie lange man einen Moment ausdehnen kann, wie lange man sich auf einer Welle halten kann, wie lange man die Zeit anhalten kann, bevor die Welle bricht und man wieder in die Strömung gerät, immer wartend auf den nächsten Rausch, auf die nächste kurze Ewigkeit. Es war nur in einem kleinen Abschnitt erlaubt, zu baden, der am Ufer von zwei Fahnen markiert wurde. Zwischenzeitig fuhr öfters ein Motorboot hinaus, um Surfer einzusammeln, die zu weit vom Ufer weggetrieben worden waren. Ich fühlte mich regelrecht süchtig nach dem Meer, nach der Strömung, dem Zusammenbrechen der Wellen über meinem Kopf. Ja, das Meer erinnerte mich an diesem Ort an Liebe.

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Mein erster Plan nach der langen Anreise war es, am Strand zu schlafen und am nächsten Tag irgendwie zurück in die Stadt zu gelangen. Da ich aber noch mit meiner Freundin reden wollte, trampte ich zum ersten Mal in meinem Leben. Eine Maori-Familie sammelte mich auf. Sie waren zum Glück auf dem Weg nach Auckland-City. Selten hatte ich so nette Menschen kennengelernt. Sie erzählten mir von ein paar der schönsten Orte Neuseelands und dass ich unbedingt in einen Wald im Norden gehen sollte. Dort stünde ein Baum, der in ihrer Kultur als Gott verehrt würde. Mir gefielen ihre Erzählungen. In den großen Religionen werden abstrakte Symbole für einen Gott geschaffen, der auf der Erde nicht greifbar ist. Die Maori sehen ihre Götter auf der Erde. Es ist eine Naturgebundenheit, die mich fasziniert und die ich unbedingt im Laufe meiner Reise näher kennenlernen möchte. Der Fahrer nannte mir seinen Namen auf Facebook und bot an, mir weiterzuhelfen, wann immer ich Fragen hätte. Leider war es, wie ich später im Hostel bemerkte, ein Name, der in Deutschland wohl „Müller“ entspräche, d.h. ich fand ihn nicht. Aber es war eine interessante Begegnung.
Die restlichen Tage wartete ich vor allem darauf endlich meinen Campervan kaufen zu können, um weiterzuziehen. Erster Zwischenstop: Piha Beach. Ich war etwas faul und nutzte die Zeit zum Schreiben. Es regnete viel, weshalb es ohnehin nicht möglich war, große Unternehmungen zu machen.
Ich hatte das Glück, dass mir eine deutsche Backpackerin im Hostel einen Tipp hinsichtlich eines Autohändlers gab: KiwiCruiseControl. Der Vorteil an dem Autohändler war, dass die Frau aus Deutschland kam, was die Sache ungemein erleichtern würde, da das zum Autokauf benötigte Vokabular nicht unbedingt zu dem gehört, was man standardmäßig gelernt hat. Und so war es dann auch: Ich wurde sehr freundlich beraten und kaufte einen alten Sleepervan. Ich taufte ihn Véronique, nach meiner Freundin, und fuhr zum Campground von Piha Beach.

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Glücklicherweise war es einer der guten Sorte. Neben Toiletten und Dusche gab es sogar eine Gemeinschaftsküche. Die folgenden Tage ließen sich auch „Die Nudel-Tage“ nennen. Nudeln mit Tomatensoße. In allen Variationen. Ich mag Nudeln mit Tomatensoße. Dennoch umkreisten beim Einschlafen immer wieder Mettbrötchen und Kölschgläser meinen Kopf. Die Mettbrötchen führten einen Tanz auf, die Kölschgläser stießen an und der Magen knurrte und der Kopf grübelte und füllte sich mit Heimweh. Im Van zu schlafen war aber überraschend gemütlich. Der einzige Nachteil ist, dass man morgens nicht wach wird, weil man ausgeschlafen hat, sondern weil der Wagen sich aufheizt. Da hilft es auch nichts, die Vorhänge gegen das Licht zuzuziehen. An morgendliche Müdigkeit werde ich mich also gewöhnen müssen. Ebenso an die Sehnsucht, die mich jedes Mal überkommt, wenn ich mit meiner Freundin schreibe oder skype. Nichtsdestotrotz bin ich sehr glücklich, hier zu sein und der Wagen gibt einem ein ganz neues Gefühl von Freiheit. Alles ist von Freiheit erfüllt. Ich brauche mich nicht darum zu sorgen, zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort zu sein, sondern ich kann mich treiben lassen, wie ein Boot auf einem Fluss. Nachts lag ich am Strand und sah zu den Sternen. Fernab des Lichtes der Großstadt konnte ich sogar das Zentrum der Milchstraße sehen. Und ich dachte an meine Kindheit und daran, wie ich geglaubt hatte, irgendwo in dieser Weite wäre ein riesiges Uhrwerk aufgebaut. Als ich die Augen schloss, glaubte ich sogar, es für einen Moment hören zu können. Ich dachte an den Tag, als Jasmin mir erzählte, alle Sterne und auch die Erde seien nur Körner in einer riesigen Sanduhr. Ich dachte an meine Freundin, daran, wie wir hier liegen und uns küssen könnten, bis uns der Morgen unsere Gestalten zurückgäbe.
In meinem nächsten Blogeintrag werde ich dann von Whangarei und meinem ersten Wwoofing (arbeiten für Unterbringung und Verpflegung) berichten. Bis dann!

Über die Zeit (I)

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.
(Rainer Maria Rilke)

Über die Zeit (I)

Sterne erhellten den Strand. Weil Jasmin und ich gerne spielten, dass wir noch Kinder sind, machten wir uns Gedanken über diese Sterne.
„Eigentlich“, sagte sie, „ sind das alles Körner in einer Sanduhr. Auch die Erde ist so ein Sandkorn.“
„Müssten wir nicht merken, dass wir fallen?“
„Blöde Frage. Wir merken nicht, dass wir fallen, weil wir es schon unser ganzes Leben tun. Am Anfang spürten wir vielleicht noch etwas davon, nach einer Weile fühlte es sich aber wie Schweben an und irgendwann merkten wir auch das nicht mehr.“
Wir hatten Ferien und waren mit einer Reiseorganisation für Jugendliche nach England gereist. Wir waren fünfzehn und gute Freunde.
Nur hier konnten Jasmin und ich so reden, jenseits der Stadt, jenseits des Lichtes und der Sprache, die uns die Luft nahmen. Wir spürten wieder die Erde rotieren, in diesem Moment, da wir regungslos nebeneinanderlagen. Vielleicht waren unsere Gedanken die Fliehkraft dieser Drehung, vielleicht verwechselten wir unser Glück mit Schwindelgefühlen, vielleicht war beides dasselbe oder das alles hatte nichts mit der Rotation zu tun, sondern damit, wie schön sie war, wenn sie auf jede Frage eine Antwort wusste, oder wie schön sie war, wenn sie gar nichts sagte.
„Hast du keine Fragen mehr? Die Leitung ist noch die ganze Nacht geöffnet“, raunte sie mir zu.
Ich imitierte einige Minuten ein Wählgeräusch. Sie lachte und als ich fertig gewählt hatte, machte sie ein Freizeichen nach. Es klickte im Wind.
„Jasmin hier, wer ist da?“
„Ich bin es nochmal.“
„Du solltest aufhören, immer dieselbe Nummer zu wählen. Alleine das Wählen dauert eine Ewigkeit. Hast du eine weitere Frage?“
„Ich habe noch eine Frage zu der Zeit. Was ist, wenn alle Sandkörner unten sind?“
„Jemand wird die Sanduhr umdrehen und die Zeit beginnt neu. Nur das alles rückwärts laufen wird. Du wirst sehen, wie das Meer zurückgeht und wie sich deine Sandburgen von selbst aufbauen. Du wirst sie abbauen und den Sand zurück in den Sand stecken.“
„Wem wird die Hand gehören, die die Sanduhr umdreht? Gott etwa?“
„Denkst du, bei der ganzen Phantasie, die ich bis jetzt gezeigt habe, würde ich nun mit Gott kommen?“
„Vielleicht wird unter den Toten jemand Besonderes ausgewählt.“
„Es müsste jemand mit großen Händen sein.“
„Werden die Hände von Menschen größer, je mehr Macht sie besitzen?“
„Niemand besitzt Macht, weil alle fallen.“
Sie atmete hörbar aus. Ein paar Wolken, die sich zu uns verirrt hatten, huschten fort. Jasmin spürte wieder das Fallen. Dass sie schwieg, war ein Zeichen dafür.
Wenn es nicht von Macht abhing, wer drehte die Uhr? Jasmins Fähigkeit, wie selbstverständlich zu antworten, besaß ich nicht und vielleicht lag darin der größte Unterschied zwischen uns und der größte Unterschied zwischen ihr und allen anderen Menschen, die ich jemals kennengelernt hatte. Anders als mich, machte Stille sie auf Dauer nervös. Sie hätte längst etwas sagen müssen. Ich drehte mich zu ihr, obwohl das gegen die Regeln unseres Spiels verstieß. Sie zitterte, die Hände in den Sand gekrallt und befeuchtete wieder und wieder ihre Lippen, als hätte sie Angst, sie könnten austrocknen; und ich legte meinen Mantel über sie, was die Regeln brach, und sie schmiegte sich an mich, was die Regeln brach, und die Wolken, die sie verjagt hatte, schlichen zurück in unseren Ausschnitt Nacht, Wolken, in die sich etwas Morgenlicht verfing, bis es die Wolken ganz einnahm, bis es nur noch sie und etwas Mond übrig ließ.
Ein Klicken. Jasmin hatte aufgelegt und das Spiel beendet.
„Es wird nicht besser, je älter man wird“, murmelte sie, „man verstößt immer noch gegen die Spielregeln. Du darfst mir keinen Mantel überlegen, wenn wir telefonieren. Und ich darf mich nicht an dich schmiegen.“
„Eigentlich warte ich immer nur darauf, dass wir gegen die Regeln verstoßen.“
„Ich glaube langsam, wir haben die Regeln nur deshalb aufgestellt.“
„Ja … ich glaube auch.“
Unser Spaziergang zurück in die Stadt dauerte lange. Insgeheim wussten wir, dass wir uns nach diesen zwei Wochen nie mehr wiedersehen würden. Keiner von uns beiden sprach mehr über die Zeit.

Über das Kofferpacken

Über das Kofferpacken

Ich reise durch die Welt, seit ich geboren wurde, und lange Zeit habe ich nicht mehr über das Kofferpacken nachgedacht. Es war immer mehr etwas Lästiges, als etwas, wofür ich Worte bemühen würde.
Meine frühesten Erinnerungen reichen zurück an einen Urlaub auf Mallorca, wo meine Eltern und ich in einem Hotel wohnten, das besonders beliebt bei jungen Familien war. Ich war vielleicht fünf oder sechs Jahre alt. Vor dem Hotel erstreckte sich eine Bucht, von hohen Felsen umgrenzt, an die sich Zedern und Zypressen klammerten, wehrhaft gegen den Meereswind. Ich erinnere mich sogar daran, wie ich für diese Reise meinen Koffer packen wollte. Wäre es nach mir gegangen, hätte ich nur Schaufeln, Spielzeugbagger und Eimer mitgenommen. Als Kind, das begeistert vom Bauen war, schienen mir Strände ein Paradies zu sein, in dem ich stundenlang Schlösser errichten konnte. Schon damals verband ich mit diesem Glück aber auch Enttäuschung. Ich wollte die Schlösser so hoch bauen, dass ich die Nacht über darin wohnen könnte; aber Schlösser aus Sand haben es an sich, dass man sie immer nur ein wenig höher bauen kann als man selbst ist, aber nie groß genug, um darin wohnen zu können; und so blieb mir lediglich die Möglichkeit, mich in meiner Fantasie kleiner zu machen und mir auszudenken, wie ich meine Tage darin verbringen würde, außerhalb von allem, immer mit Gedanken an die Flut.
Es ist seltsam, daran zurückzudenken, wie ich noch keine Sprache hatte, um zu beschreiben, was ich fühlte, und wie es für mich einer Lüge gleichkam, auf die Worte „wütend“ oder „sauer“ zurückzugreifen, als ich im ersten Morgenlicht frierend am Strand saß und erkannte, dass das Meer über Nacht meine Burg zerschmolzen hatte, ein wenig wie wenn man nach einem langen Traum erwacht und die Bilder nach und nach verschwinden. Ich merkte an diesem Morgen, dass es etwas auf der Welt gab, was ich noch nicht verstand, weil ich die Worte dafür noch nicht gelernt hatte. Und so kehrte ich zurück ins Zimmer, holte den Bagger, die Schaufel und den Eimer, die stillen Gefährten, die meine Träume teilten, und setzte mich erneut an den Strand nahe des Meeres, weil der Sand nur dort feucht genug war. Ich ahnte diese bittere Ironie, aber ich konnte sie nicht ausdrücken und alles, was ich nicht ausdrücken konnte, blieb irgendwie in meinem Inneren zurück, als warte es darauf, durch Sprache befreit zu werden. An entsprechendem Tag glaubte ich, klüger geworden zu sein, und baute einen Graben um die Burg, sammelte mit meinem Vater große Steine, mit denen wir einen Wall vor dem Graben errichteten. Das Schloss verschwand wieder über Nacht und nur die Steine lagen da, als hätten sie sich entschieden, länger zu bleiben, als das Schloss. Ich fühlte mich diesen Steinen seltsam verbunden. Ich hatte keine Sprache dafür. Einen packte ich unter dem Seufzen meiner Eltern in den Koffer. Der Sand, den wir, zurück zuhause, beim Auspacken vorfanden, war als blinder Passagier mitgereist.
Über die Jahre las ich viele Bücher. Ich lernte, dass man das Gefühl, welches ich beim Anblick der Steine empfunden hatte, als Einsamkeit bezeichnet. Ich lernte, dass die Erfahrung an jenem kalten Morgen, für die ich keine Sprache besessen hatte, als Vergänglichkeit beschrieben wird. Ich lernte, dass viele Menschen im Zusammenhang mit Vergänglichkeit über Sandburgen geschrieben haben und fragte mich, wie viele von ihnen an einem kalten Morgen an einem Strand irgendwo gestanden und ihre zerschmolzene Burg gesehen und dafür keine Worte gefunden hatten. Ich fragte mich, wie viele von ihnen einen Stein in ihre Koffer gepackt hatten und wie viele von ihnen in schlaflosen Stunden noch seine Schwere in ihren Händen fühlten, als wären sie wieder Kinder. Ich fragte mich, ob sie das Gefühl hatten, all das Unausgesprochene durch die Sprache zu befreien und ob sie dem nachtrauerten.
Anstatt Burgen zu bauen, zeichnete ich sie in der kommenden Zeit, jedes Mal mit einer Fahne auf der Spitze. Meine Eltern, die besorgt waren, weil ich mich nicht wie die meisten anderen Kinder in meinem Alter verhielt, suchten Psychologen mit mir auf. Einer erklärte, die Burg stehe dafür, dass ich mich zurückziehen will, die Fahne dafür, dass ich aber trotzdem bemerkt werden möchte.
So einfach konnte das offenbar alles beschrieben werden.
Ich liebte Muscheln als Kind. Wenn meine Eltern und ich an einen Ort reisten, wo man Muscheln fand, suchte ich die Schönste aus und packte sie als Erinnerung in den Koffer. Bestimmt hatte das auch mit meinem Glauben zu tun, man höre in den Muscheln das Meer. Eine der schönsten Muscheln fanden wir auf einer Insel in der Karibik, deren Namen ich bis heute nicht weiß, weil wir nur für eine halbe Stunde mit unserem Motorboot in ihrer Nähe ankerten. Es war schwierig, eine geeignete Muschel zu finden, da die meisten noch bewohnt waren. Eine aber, die im Inneren die Farbe einer Dämmerung besaß, hatte ihr Bewohner uns hinterlassen. An einem Abend vertraute ich der Muschel die Gedanken und Gefühle an, die ich bis dahin nie ausgesprochen hatte. Ich war alt genug, zu wissen, dass Sandburgen über Nacht verschwinden, aber jung genug, zu glauben, die Muschel würde meine Stimme in sich aufnehmen und bewahren, bis ich sie jemand Besonderem schenken könnte, denn immerhin, so mein Gedanke, konnte sie auch die Stimme des Meeres in sich bewahren. Wie einen Schatz legte ich sie in den Koffer. Auch nach diesem Urlaub lag wieder Sand darin.
Ich las über die kommenden Jahre mehr Bücher und ging auf das Gymnasium. Ich lernte, weniger leise zu sein. Ich lernte, dass man in Muscheln nicht das Meer hörte, sondern das Rauschen des eigenen Blutes. Es machte mich traurig. So würde ich diesem besonderen Menschen, dem ich noch begegnen würde, nur von meinen Gedanken erzählen, anstatt meine Geschichte wie einen Schatz übergeben zu können. Vielleicht hätte dieser Mensch auch eine Muschel gehabt und wir hätten getauscht und lange nicht geredet, weil wir nebeneinandersitzend, die Muscheln an die Ohren gelegt, unseren Geschichten gelauscht hätten. Ich legte die Muschel auf einen Schrank, vergaß sie dort, machte mir keine Gedanken mehr über Koffer, Sandburgen und Muscheln und wurde erwachsen. Natürlich war an jedes Kleidungsstück, das ich einpackte, eine Erinnerung gebunden, aber ich ließ mich nicht mehr darauf ein, weil ich mich in meinen Gedanken und Gefühlen, die ich als Kind hatte, betrogen fühlte.
Die Reise nach Neuseeland wird die Längste meines Lebens sein. Und nachdem ich so lange nicht mehr an das Kofferpacken gedacht habe, tue ich es nun wieder. Da ist das Pink Floyd T-Shirt, das mir eine Gastfamilie in Texas schenkte und das mich an schlimme vier Monate erinnert. Es ist mir ein Rätsel, wie man einen Gast für Monate aufnehmen kann und nie auch nur die Absicht verspürt, ihm etwas außerhalb der Kleinstadt zu zeigen, in der man wohnt. Ich kam mir vor wie eine ihrer drei Katzen. Wobei die besser behandelt wurden. Das T-Shirt erinnert mich aber ebenso an die Nächte, in denen ich Shine on your crazy diamond im Partykeller hörte und das Saxophonsolo mitspielte, bis meine Eltern sich beschwerten, dass sie schlafen wollten.
Da sind die T-Shirts aus dem kleinen Laden zwischen dem Pantheon und dem Jardin du Luxemburg in Paris.
Paris: Der Geruch von Käse und frischen Crepes, der die Rue Mouffetard am Markttag hinaufweht, die Chansons, die am Ende der Straße gesungen werden, der durch die Mailuft wogende Walzertakt, von dem sich Menschen in die Mitte des Platzes tragen ließen. Ihr schallendes Lachen.
Ich lege ein T-Shirt mit langen Ärmeln heraus, das ich im Macies in New York kaufte.
New York: Jazz, der wie der Verkehr zur Rush-Hour durch den Kopf fegt, der Drummer, der die Becken flüstern lässt, Times-Square-Melancholie, ich auf einem großen Bildschirm (von den Vorübergehenden wurde alle paar Sekunden ein Foto geschossen), die plötzliche Erinnerung an das Brinkmann-Zitat ich war an diesem Punkt in meinem Leben, der stille Hotelflur und das Scheppern des Eises aus der Eismaschine in den Metallkübel, das Knacken des Eises als ich das Glas fülle, der Geschmack von Wild Turkey mit Cola, die schlaflosen Nächte im nie endenden durch die Vorhänge dringenden Licht, der morgendliche Duft von Kaffee und leicht angebrannten Pfannkuchen mit white-chocolate-chips im Morning Star Café, das Gefühl, ich könnte nur in Diners wie diesem vom Reisen schreiben, eine Flut von Taxis, Gehupe und Sirenenheulen vor dem Fenster, Greyhound-Busse, die Richtung Westen aufbrechen.
Vermutlich werde ich zu müde sein vom Flug, aber ich habe die diffuse Angst, mit dem Rucksack in Neuseeland Jahre zu öffnen und dass er mir unendlich groß vorkommen wird. Vielleicht wird er mir auch unendlich leer vorkommen, da alles in Sprache aufgelöst sein wird, wie die Sandburgen über Nacht. Vielleicht wird die Sprache aufgelöst sein, wie meine Stimme im Rauschen der Muschel; vielleicht wird somit alles ganz neu beginnen und ich werde in Auckland im Zimmer des Hostels liegen mit der Schwere des Steines auf meinem Körper. Ohne Erinnerung.

Warum ich das tue

Die Frage nach dem „warum“ dieser Reise ist wohl eine der Fragen, die mir am Häufigsten gestellt werden. Ich beendete Anfang Dezember mein Lehramt-Studium in Köln und hätte ebenso die Möglichkeit gehabt, gleich mit dem Referendariat zu beginnen und danach nahtlos meinen Beruf als Lehrer anzutreten (nach einer mehr oder weniger langen Bewerbungsphase vielleicht). Viele schlagen genau diesen Weg ein und es hat seine Berechtigung.
Für mich stand schon vor längerer Zeit fest, dass solche Geradlinigkeit zu mir nicht passt. Mein Leben war in den letzten Jahren immer durch Zeitpläne bestimmt. Selbst dann, wenn ich mal eine Ruhephase hatte, blieb doch stets die Aussicht darauf, im kommenden Semester wieder weitere Schritte vollbringen zu müssen, um mein Studium einigermaßen nach Plan abschließen zu können. Durch die Politik werden einem Regelstudienzeiten vorgegeben, welche sich zwar theoretisch einhalten ließen, die einen aber meines Erachtens dazu zwingen, die eigene Person, die eigene Entwicklung, die persönlichen Wünsche und Träume zumindest teilweise fallenzulassen. Man wird angehalten, sich vermeintliches Wissen möglichst zügig und in großen Mengen anzueignen, erhält allerdings kaum die Chance, tiefergehende und nachhaltige Erfahrungen zu machen. Man besteht seine Prüfungen und vergisst daraufhin alles wieder. Es ist ein Leben nach Fahrplan, ein bisschen vergleichbar mit der Situation, wenn man von Land zu Land reist, aber nirgendwo verweilen kann, weil man den nächsten Zug nicht verpassen darf. So bleibt einem nur ein flüchtiges Bild dessen, was man hätte erkunden können.
Manche sehen darin keinen großen Verlust. Sie haben das Ziel vor Augen, welches sie am Ende erreichen werden, und beziehen daraus ihre Freude. Mich hingegen reizt der Gedanke, aus der hiesigen Zeit zu verschwinden und für eine Weile nur auf mein Inneres zu hören. Vielleicht hängt das auch damit zusammen, dass ich Schriftsteller bin und es im Wesen eines jeden Künstlers liegt, nicht in eine Routine verfallen zu wollen, sondern sich immer wieder aus den Systemen des Alltags zu befreien, sei es die uns vorgegebene Zeit, seien es Denkmuster, die gemeinhin als „normal“ und „vernünftig“ gelten, sei es die Sprache an sich. Jeder Künstler spürt den Drang, sich Refugien des Selbst zurückzuerobern und sich für eine Weile darin zurückzuziehen. Ich möchte nicht behaupten, dass das nur für Künstler jedweder Art gilt, aber doch ist dieser Drang bei ihnen vermutlich besonders stark ausgeprägt. Das hat irgendwo auch mit Selbstsuche zu tun. Schriftsteller nehmen die Welt nicht als objektiv gegeben an, sondern beziehen ihre Inspirationen aus der Schnittstelle zwischen sich und der Welt.
Und damit kann ich an weitere Fragen anknüpfen, die mir ebenfalls oft gestellt werden: „Hast du denn, wenn du in Neuseeland bist, nicht nach einem Monat schon genug gesehen?“ „Wird dir nicht langweilig, wenn du nach kurzer Zeit bereits vieles an Landschaft kennengelernt hast, und reicht dafür nicht auch weniger Zeit?“

Ich erinnere mich an eine Reise durch den mittleren Westen der USA, die ich einmal als Kind und einmal vor ein paar Jahren mit meinen Eltern unternahm. Im Kindesalter empfand ich diese Art von Reisen als langweilig. Über hunderte Meilen schlängelte sich der unter der Hitze flirrende Highway durch die Ödnis, Landschaften, die nur aus Staub und trockenen Büschen bestanden, als hätte ein Künstler gedacht, er müsste zumindest ein paar Farbtupfer setzen, wolkenloser Himmel, der Horizont nur stellenweise durchbrochen von roten Hügeln. Jemand sagte uns, wir sollten zehn Meilen ins Land fahren, dann hätten wir alles gesehen und könnten zurück nach Los Angeles. Als Kind gab ich ihm Recht.
Bei der zweiten Reise –ich war etwas über zwanzig Jahre alt– erlebte ich dieselbe Landschaft anders. Nach einer Weile der Fahrt führte die Reise nicht mehr allein von Los Angeles zu einem anderen Ort, sondern ich versank in Gedanken über mich selbst, dachte viel über die Vergangenheit nach, über Probleme, mit denen ich zu kämpfen hatte, über Ängste, die Zukunft betreffend, über Träume. Kreuzungen waren nicht mehr nur Kreuzungen. Es legte sich ein stiller Zauber über sie und sie verwandelten sich in Orte, an denen man Entscheidungen traf, die das ganze weitere Leben beeinflussen könnten. Ich merkte, wie die Zeit in der Weite der Landschaft ausgelöscht wurde. Ich merkte, wie die Landschaft mehr wurde, als eine staubige Endlosigkeit: Sie wurde ein Resonanzraum.

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Die Veränderungen der Zeit sind das, was mich beim Reisen am Meisten fasziniert. Meine Eltern und ich hielten beim Joshua Tree National Park, weil wir uns eine halbe Stunde auf das Land einlassen wollten. Da sah ich zum ersten Mal die Kerben längs der Felswände, erkannte, dass das Rot der Felswände unterschiedlich stark war. Während ihr unterer Teil blassrot schien, erstrahlte der obere Teil in intensivem Kaminrot. Es stellte sich heraus, dass die Grenze zwischen den Farbschattierungen den Punkt markierte, bis zu dem das Urmeer vor Millionen von Jahren hinaufgereicht hatte. Durch die Wasserablagerungen waren auch die Kerben entstanden, über die meine Finger wie über eine Blindenschrift wanderten. An einigen Stellen waren die Felsen geschwärzt. Dort hatten die Indianer vor langer Zeit ihre Lagerfeuer angezündet. Feuer und Wasser hatten in die Landschaft geschrieben. Das Rauschen des Windes veränderte sich und das Urmeer toste wieder gegen die Hügel, die Kälte des Windes auf meiner Haut war jene, die die Indianer empfunden hatten, und das alles in dem einen Moment, da ich an eben dem Punkt stand. Ich wusste, mein Gefühl, nur ein kleiner Teil eines großen Ganzen zu sein, wäre nicht von langer Dauer. Und doch war es ein Gefühl, für das sich die vielen Meilen gelohnt hatten.

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Diese Beschreibung eines kleinen Ausschnitts einer Reise mag einen Eindruck dafür vermitteln, warum ich nicht damit übereinstimme, dass ich doch nach einem Monat genug gesehen hätte und wieder nach Hause fahren könnte. Ein Ort ist für mich viel mehr. Er ist ein Resonanzraum. Ich glaube, der Sinn dieses Gedankens wird deutlich, wenn man sich vorstellt, dass dieselben Geigensaiten einen anderen Klang erzeugen, je nachdem über welchen Resonanzkörper man sie spannt. Töne werden hervorgehoben oder gedämpft. So verhält es sich mit dem Reisen. Als Schreiber versuche ich, für diese Töne Zeichen zu finden. Das braucht Zeit und die will ich mir nehmen.
Was mich gerade an Neuseeland fasziniert, ist seine Vielschichtigkeit (oder: Vielstimmigkeit, um im Bild zu bleiben). Während ich in einem Teil des Landes Skifahren kann, ist ein weiterer Teil Mitteleuropa ähnlich, fahre ich noch weiter, reise ich durch den Urwald. Es ist ein Wechsel von Landschaften, den man sonst nirgendwo in dieser Dichte erlebt. Als jemand, der Flüsse aus mir unbekannten Gründen besonders liebt, bin ich in Neuseeland gut aufgehoben. Dort kann ich tagelange Touren mit dem Boot machen, mich mit der Zeit treiben lassen, die nur vom Land geschaffen wird. Es würde zu lange dauern, alles aufzuzählen, was ich in Neuseeland tun kann. Davon werde ich jeweils an späteren Punkten dieses Blog berichten. Ich denke aber, dass diese Reise mir mehr bringen wird, als nur ein paar schöne Fotos. Die Reise ist ein Umbruchpunkt, denn sie wird auch mit mir etwas machen. Was genau, darauf bin ich mehr als gespannt.

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und ich schreibe

ich reise umher und ich schreibe.
ich schreibe und reise umher.
ich tauche die finger in flüsse
die mein spiegelbild bewegen
und schreibe
ich schreibe die finger
tauchen in die flüsse
die mein spiegelbild bewegen.
ich werde ein kind und ich schreibe
ich schreibe und werde ein kind und
ich spüre wieder die erde sich drehen
gedanken sind nichts als die fliehkraft
das glück in mir nichts als ein schwindelgefühl
ich setze den stift aufs papier
um mich festzuhalten.
straßen werden gebaut und ich schreibe
ich schreibe und straßen werden gebaut.
und für manches nehme ich nur eine feder:
der wind in einem verwilderten garten:
all die kommas aus gras und ihre inventur:
ein bilderbuch das die uhr lehrt;
ein springseil; zerlaufene kinderschuhe;
an einer halskette ein kompass
kohle von einem lagerfeuer:
ich las es auf und schwärzte
mauern wie feuer mit worten. mein körper
verschwand und ließ einen text zurück.
die nacht durchdringt den raum und ich schreibe.
ich schreibe und den raum durchdringt die nacht.
menschen betreten das hotel und ich schreibe
ich schreibe und menschen betreten das hotel.
manche tragen ihre koffer mit sich
wie gedichte und reden kein wort.
manche tragen ihre koffer mit sich
wie koffer und reden die ganze nacht;
ich schreibe dieses gedicht und schweige
ich schweige und schreibe dieses gedicht
und alles kommt wieder: die flüsse; die straßen;
der verwilderte garten; das hotel; die nacht;
die menschen: alles kehrt zurück
im gedicht. die spiegelung
im wasser der körper aus licht.