Weitsicht

Lesen ist (auch) nicht mehr das, was es mal war. Ich finde, dass oft zu viel Text auf zu kleinem Raum angeboten wird. Beispiel: Verpackungen.

Texte dort lassen sich schwer entziffern. Ich ärgere mich jedes Mal über die, auf denen ich unter all dem Kleingeschriebenen erst finden muss, wie lange man die Nudeln kochen soll, auf welche Temparatur den Ofen vorheizen. Weil ich nicht all zu oft Suppenwürfel benutze, muss ich die Packung immer mehrmals in alle sechs Richtungen drehen, bevor ich schliesslich auf der Rückseite in der Mitte versteckt die Mengenangabe für Wasser pro Würfel finde. Können solche wesentlichen Informationen nicht regel-mãssig prominent und ins Auge springend plaziert werden?

Im Bett kann ich nur bestimmte Bücher lesen. Grosse Schrift, grosser Kontrast von Schwarz auf Weiss. Auch hier habe ich etwas zu bemãngeln: Dass in kaum einem Buch seine Schriftart und -grösse angegeben werden. Wenn das nämlich so wäre, könnte ein jeder im Lauf seines Leselebens mit Typographie vertraut geworden sein, und diese Angaben müssten nun heute von Internetbuchhandlungen bereitgestellt werden, so dass ein jeder sich ein Buch auch nach typographischen Eigenschaften aussuchen könnte. Gegenwärtig kennt aber wohl kaum einer Schrifttyp noch –grösse dessen, was er liest?

Jedenfalls musste ich meine Bettlektüre immer weiter weg von mir halten, und sie fiel mir manchmal auf den Boden dabei. Meine Mutter brachte mir dann eine billige Lesebrille von Lidl, glaube ich, damit ging das besser, und sie hat den Vorteil, dass sie biegsam ist. Ich kann sie auch auf der Seite liegend tragen, und wenn sie hinunterfällt, geht sie nicht kaputt. Auch als Lesezeichen ist sie geeignet. Die Brille, die ich mir davor hatte machen lassen, ist dafür viel zu rigide.

Auch fürs Zeitunglesen war sie ungeeignet, denn sie war auf eine bestimmte Leseentfernung eingestellt, für eine liegende Zeitung völlig ungeeignet. Das ging ohne Brille noch besser. Inzwischen allerdings – und ich habe den Verdacht, dass die Irish Times eine kleinere Schriftgrösse eingeführt hat, aus Sparmassnahmengründen, denn damit passt ja mehr Text auf weniger Papier – also inzwischen brauche ich einen meiner Stapel auf dem Tisch, an den ich die Zeitung anlehnen kann, denn aus irgendeinem Grund scheinen sich beide Augen nur auf eine bestimmte Entfernung einigermassen einigen zu können.

Für die letzten Seiten setze ich schliesslich doch meistens die billige Brille auf, und während ich sie früher nach jedem Einsatz ins Etui zurückschob, habe ich mir das abgewöhnen müssen. Jetzt liegt sie in Reichweite zusammengefaltet, oder sogar offen auf dem Tisch herum. Selbst beim Häkeln, Kritzeln oder Lesen meiner eigenen Handschrift (!) setze ich sie nun öfters auf.

Und ich erinnere mich fast jeden Tag an meine (damals) ältere Kollegin, wenn ich mir wie sie die Brille während des Lesens nach vorne runter auf die Nase schiebe, um zwischendrin über sie hinweg in den Raum um mich herum zu sehen, klar.

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