Beschleunigung – Acceleration

Schon, als ich noch Brigitte las, konnte ich sämtliche Anzeigen ignorieren. Aber gestern fiel mir diese ganzseitige Anzeige auf Seite 3 in der Irish Times augenblicklich ins Auge:

P1130071

(kann man’s lesen?)

Grosse, klare Schrift. Ausserdem sah das auf den ersten Blick aus wie ein Gedicht. Und so las ich diesen beängstigen Text von oben bis unten. Mehrmals seither.

Dabei fand ich eindeutige Anspielungen auf Elizabeth Bishop’s berühmte Villanella One Art:

“The art of losing isn’t hard to master …
Lose something every day ….
Then practice losing farther, losing faster ….”

In der Anzeige:

“Tomorrow belongs to the fast.

Winners and losers will be decided by
how quickly they can move from what they
are now to what they will become.”

Und vorletzte Zeile:

“And we are here to help everyone go further, faster.”

Bei Sintra in Portugal bin ich vor langer Zeit mit dem Freund einer Freundin eines Freundes im Auto mitgefahren, besser: mitgerast. Ein total eingebildeter Verrückter war das. Ob er noch lebt? Jedenfalls war ich danach nie mehr wieder so froh, aus einem Auto heil herauszukommen, noch gegenwärtig zu sein.

Āhnliche Gefühle weckt diese Anzeige bei mir.

Ob der Freund hinterm Steuer damals das Gedicht von Alvaro de Campos, einem der Heteronyme von Fernando Pessoa, kannte: At the wheel of the Chevrolet to the road to Sintra?

(englische Übersetzung)

“…
On the road to Sintra, and sad in the moonlight, with the night and fields before me,
Driving the borrowed Chevrolet, and miserable,
I lose myself on the road and things to come, vanish in the distance I am overtaking,
And out of some sudden, terrible, violent, incredible impulse,
I accelerate . . .
But left my heart back there on that stone pile I steered clear off,
Seeing it without seeing it,
At the door to the hovel,
My empty heart, … “

Quellen:

Irish Times, 2/11/2015
Mark Strand and Evan Boland: The Making of a Poem, W.W. Nortan and Company, 2001
Edwin Honig, Susan M. Brown: Poems of Fernando Pessoa, City Lights Books, 1998

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2 Antworten auf Beschleunigung – Acceleration

  1. Dirk sagt:

    Es ist halt eine Werbeanzeige eines IT-Unternehmens, die sich sicher in erster Linie an Entscheidungsträger in der IT wendet und sie bei dem abholen soll, was sie täglich erleben: Beschleunigung und ständige neue Anforderungen als einzige Konstanten, gefordert vom Totschlagargument des globalen Wettbewerbs.
    Ein globales Statement, das Morgen gehöre den Schnellen braucht man daraus hoffentlich nicht abzuleiten. Oder doch?
    Oder ist das doch ein Grund mehr, aus dem Wahnsinn auszusteigen, soweit man kann. Und sei es nur, in dem man sich gelegentlich auf die Hinterbeine stellt und sagt: ‚Ich mache heute einfach mal weitermachen, was ich gestern schon gemacht/begonnen habe‘? Kann doch nur gesund sein.

  2. Christine sagt:

    Danke fuer deinen Kommentar, Dirk.

    Ja. anscheinend spricht die Anzeige IT und andere technology Firmen an.

    Aber warum ganzseitig in einer Tageszeitung?

    Ich neige zu dem, was du zum Schluss vorschlaegst.

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