Lukrez: Spracherfinder gibt es nicht

Ich finde, dieser Text ist in mehrerlei Hinsicht ein guter Start für die Lesekreiselreisen hier. Ich fand ihn, weil ich wissen wollte, was und wie Lukrez geschrieben hat. Ich wollte das wissen, weil ich las, dass Francis Ponge ihn besonders mochte, Matthew Arnolds nicht.

In meinem Kindlers Literaturlexikon (1974) steht: “Durch sein archaisierendes Sprachkolorit steht in der Nachfolge des Ennius der schon genannte Epikureer LUKREZ (ca. 95-55 v. Chr.), der in seinem Werk De rerum natura über den L’art -pour -l’art– Standpunkt der alexandrinischen Repräsentaten didaktischer Poesie hinauswächst, die philosophischen Gehalte des attischen Denkens mit einer einzigartigen Dynamik ergreift und dabei die Subtilitäten der Epikureischen “Physiologia” durch ein in seiner Art grandioses Wohlgefühl adelt.  Das Lehrgedicht wahrt den Zusammenhang mit der Poesie … durch die Elemente einer ganz individuellen Naturbetrachtung, …” (Bd.1, S. 127)

Das machte mich doch gespannt auf das Werk.

 

Wahnsinn ist es daher an einen Erfinder zu glauben,
Der einst Namen den Dingen verliehn und den Menschen die ersten
Wörter gelehrt. Weshalb hat denn dieser allein es verstanden,
Alles mit Worten zu nennen und Laute verschieden zu bilden,
Während zur selbigen Zeit dies keiner der ändern vermochte?
Wenn zudem nicht auch andre sich untereinander der Sprache
Hätten bedient, wie kam man dazu den Nutzen der Sprache
Einzusehn, und woher ward diesem zuerst das Vermögen,
Was er gedachte zu tun, im Geiste voraus zu ermessen?
Ebenso war es unmöglich als einer die vielen zu zwingen,
Daß sie willig sich fügten, die Namen der Dinge zu lernen,
Noch war es irgend leicht, vor tauben Ohren zu lehren
Und ihr Tun zu beraten. Sie würden auch nimmer es dulden
Und durchaus nicht ertragen, wenn einer noch weiter vergeblich
Ihnen das Ohr vollstopfte mit nimmer vernommenen Lauten.
Endlich was ist denn dabei so sehr zu verwundern, wenn wirklich
Unser Menschengeschlecht, deß Stimme und Zunge gesund war,
Nach den verschiednen Gefühlen den Dingen verschiedenen Laut gab.
Läßt doch auch stummes Vieh, ja selbst die Sippen des Wildes
Ganz verschiedene Töne und mancherlei Laute vernehmen,
Wenn bald Furcht, bald Schmerz, bald schwellende Lust sie beweget.
Denn dies läßt sich ja doch aus bekannten Erscheinungen lernen.
Wenn die gewaltige Dogge molossischer Rasse gereizt wird
Und aus dem fleischigen Rachen mit bleckenden Zähnen hervorknurrt,
Klingt ihr Drohn bei verhaltener Wut ganz anders, als wenn sie
Losbellt und schier alles mit ihrem Gebrülle erfüllet.
Oder auch wenn sie die Brut mit der Zunge so zärtlich belecket
Oder sie rollt mit den Pfoten und harmlos beißend sie anfällt
Oder mit achtsamem Zahne die Nestlinge droht zu verschlingen,
Dann ist ihr sanftes Gekläffe doch sehr von dem Belfern verschieden,
Das sie allein vollführt, wenn ihr Herr sie zu Hause gelassen
Oder wenn winselnd dem Schlag sie entflieht mit gekniffenem Leibe.
Scheint nicht ferner das Roß in verschiedenem Tone zu wiehern,
Wenn es als Hengst in der Jugend Kraft rast unter den Stuten,
Mächtig getroffen vom Sporn des geflügelten Gottes der Liebe,
Oder zur Schlacht galoppiert und aus offenen Nüstern voranschnaubt,
Oder beim Todesröcheln mit schulternden Gliedern noch wiehert?
Endlich das fliegende Volk und die buntgefiederten Vögel, Habichte,
Adler und Taucher, die über den Wogen des Meeres
Schweben und Nahrung und Leben aus salzigen Fluten gewinnen,
Geben verschiednes Geschrei von sich zu verschiedenen Zeiten,
Und wenn sie streiten um’s Pressen und um das Erbeutete kämpfen.
Teilweis ändern sie auch je nach dem verschiedenen Wetter
Ihr rauhklingend Gekrächz. Als Beispiel nenn‘ ich das alte
Krähen- und Rabengeschlecht. Man sagt, sie schreien nach Wasser
Und nach Regen und rufen bisweilen auch Winde und Stürme.
Wenn demnach schon die Tiere verschiedne Empfindungen zwingen,
Ob sie auch sprachlos sind, verschiedene Stimmen zu äußern,
Wieviel mehr war der Mensch natürlich damals imstande
Mit verschiedenen Lauten bald dies zu bezeichnen, bald jenes.

 

Abgesehen davon, dass es mich fasziniert, wie und was im 1. Jh. v. Chr. schon geschrieben wurde ( Wie gut die Übersetzung ist, kann ich nicht sagen, für mich liest sie sich super), gefållt mir die Argumentation im ersten Teil, weil sie so wunderbar common sense ist.. Und ich meine, der zweite Teil passt gut zu diesem Blog, so weit er bisher gediehen ist. Ausserdem müsste er eigentlich thematisch mindestens amüsant im Rahmen von wababbel sein?

Dieser Beitrag wurde unter Lesekreiseltexte veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten auf Lukrez: Spracherfinder gibt es nicht

  1. tloenfahrer sagt:

    Es ist nicht leicht, in anderen Neugier für einen Autoren zu wecken, von dem man selbst beeindruckt ist. Dir ist das hier hervorragend gelungen.

  2. Christine sagt:

    Danke, und ich freue mich, dass ich Interesse an Lukrez geweckt habe. Ich muss ihn selber noch besser kennenlernen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.